Sonntag, 20. Februar 2022

Pest

 Pest ist tot. Und wie in sein Leben ist auch sein Tod irgendwie nicht zuzuordnen. Nichts passt, um es zu beschreiben. Im Leben sah Pest aus wie ein Hund, war aber keiner. Hunde benehmen sich anders. Ich hatte schon viele bepelzte Mitbewohner, aber keiner hat mein Leben, meine Tagesstruktur, sogar mein Heizverhalten so geprägt wie dieses Alien.

Vor Pest lagen bepelzte Mitbewohner in Körbchen, haben gehorcht und mussten sich meiner Struktur anpassen. Pest lag auf dem Sofa mit möglichst viel Körperkontakt zu mir, unter der Bettdecke. Er fror im Winter so schnell, dass ich mir abgewöhnt habe bei offenem Fenster zu schlafen. Er hatte ein Talent an jede Faser Mitgefühl zu appellieren.

Draußen bestimmt er wann wir wo spazieren gehen. Seine Gabe sich von einer kuscheligen Wärmflasche zu einem größenwahnsinnigen Terrorzwerg zu verwandeln, suchte ihres Gleichen. Er hat gehorcht, war aber einfach zu schnell für mich. Bevor ich ihm irgendeine Anweisung geben konnte, war er schon 100m weit, um sich mit einem 30kg Boxerrüden anzulegen. Er zog meist den Kürzeren. Deswegen habe ich Tageszeit und Gassirouten der durchschnittlichen Frequenz im Wald angepasst. Ich freute mich über Regen, weil dann einfach weniger los ist und mein Nervenkostüm unbeschadet blieb.

Im Alter wurde er zwar langsamer, dafür taub. Der Wald durch Corona voller und ich gestresster. Er bestimmte meine Gassifreundschaften. Gassifreundschaften, die nur zu christlichen Zeiten bei schönem Wetter in den Wald gehen, waren inakzeptabel. Angefreundet habe ich mich mit Menschen, die super gerne Sonntags vor 7 unterwegs sind. Und Hündinnen haben. Pest war so lebendig, anstrengend, dass er bei regelmäßig bei Gassidiensten und Sittern rausflog. Nie war er böse, aber ich hörte immer, dass er einfach zu viel Kraft fordert. Der häufigste Satz lautete immer: „das schaffe ich einfach nicht“. Mit fast 13 konnte man 2h mit ihm durch den Wald toben und nach ein paar Stunden Schlaf, rannte er wieder durch meine Wohnung und schmiss seine Spielzeuge durch die Gegend. Bei Videokonferenzen flog mir regelmäßig ein Kuscheltier an den Kopf.

Also bin ich immer früher aufgestanden, um gleich in der Früh eine große Runde zu drehen. In der Hoffnung, dass ich dann ein paar Stunden Ruhe habe. Seine Blase war im Alter schwach, also vor jeder Videokonferenz schnell nochmal mit im vor die Tür, Gassidienste und Termine so getaktet, dass seine Blase es aushält.

Ich habe mir oft vorgestellt, wie einfach mein Leben ohne ihn wäre, wieviel Freiheiten ich genießen würde. Wie oft habe ich geflucht, dass ich zum Yoga will und nicht 3x am Tag bei Wind und Wetter für mind. 1h raus mit Spiel, Spaß und Aktion. 20.000 Schritt am Tag und er hat mir trotzdem das Gefühl gegeben, ihn nicht auszulasten. Mit fast 13!

Und dann ging Alles ganz schnell. Dienstag sagte ich noch, dass er offensichtlich beschlossen hat, mindestens 25 Jahre zu leben, samstags war er tot. Er starb, wie ich es nie wollte für ihn. Unter großen Schmerzen in der Klinik. Ich hatte bis zum Schluss nicht damit gerechnet. Bis zum Schluss habe ich geglaubt, dass der Grund warum sein kleiner Kopf innerhalb 3 Tagen anschwoll irgendeine Entzündung sei. Ohrspeicheldrüse oder so. Wäre so typisch für ihn gewesen. Sich irgendeinen kleinen Stock in der Gosche so blöd in die Schleimhäute zu rammen, dass sich Alles mit multiresistenten Keimen entzündet. Man hat Nichts gesehen, vorher. Keine Beule, er rieb sich nicht den Kopf, Nichts. Aber am Donnerstag hatte sein kleiner Körper beschlossen, sich gegen den großen Tumor auf der Schädeldecke zu wehren. Mit aller Macht. Aber hatte wie gegen die 30kg Rüden keine Chance. Ich habe ihn, während er vor Schmerzen zitterte, zusammengerollt auf meinem Schoß, gehen lassen.

2 Wochen konnte ich nicht weinen, Nichts fühlen, außer einer großen Müdigkeit. Ich hatte keine Kraft Dinge zu tun, von denen ich immer gesprochen habe, dass ich sie tue, wenn er nicht mehr ist. Ich fühle mich wie nach einer schweren Grippe, Alles ist anstrengend, ich will nur rumliegen und Nichts machen. Und ich habe Angst. So lange habe ich geschimpft wie anstrengend und einschränkend das Leben mit ihm ist, was wenn es jetzt öde und langweilig ist? Wenn er nur eine Ausrede war, warum ich für mehr Yoga, mehr Rennrad, mehr Fleiß bei der Arbeit keine Zeit und Kapazitäten habe? Ich meinen Arsch einfach nicht hochbekomme und bei Netflix versumpfe?

Cholera macht es mal wieder richtig. Cholera blüht auf. Einzelprinzessin. Endlich niemand mehr, der ihr durch einen bloßen Blick signalisiert, dass es nur einen Hund in der Küche geben kann, wenn ich den Kühlschrank öffne. Endlich kann sie ungehemmt mit vierbeinigen Klötenträgern flirten, ohne dass da ein 3-Pfund-Brot Einspruch erhebt und alles verscheucht. Und vor allem, endlich ins Bett springen, ohne deswegen eine gepfeffert zu bekommen, weil unter der Decke plötzlich etwas hervorschießt und ihr die Leviten liest.

Ich hätte gerne ihre Gabe immer das beste aus jeder Situation zu machen.

2 Kommentare:

  1. Mein Beileid. Aufrichtig. Mein Riesenschnauzer weiß nicht, dass er einer ist. Sie hat erstklassige Qualitäten als Türstopper.

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  2. DAs tut mir sehr leid - So echte eigensinnige und charakterstarke Kameraden zu verlieren ist ein großer Verlust.
    Dir wünsche ich viel Kraft

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