Freitag, 11. Mai 2018

Fielmann


Kennt ihr diese Werbung in der der Sohn den Vater fragt, ob er rückblickend etwas anders in seinem Leben gemacht hätte?
Manchmal stelle ich mir exakt die gleiche Frage und ich weiß nicht, ob es erschreckend oder beruhigend ist, dass ich mit x Jahren mehr Erfahrung in vielen Punkten genauso wie damals entschieden hätte.
Meine erste große Liebe hieß Felix. Nach dem Studium zog ich zu ihm. In eine fremde Stadt und baute mit ihm seine Firma auf. D.h. aufgrund der Umstände und meiner mangelnden Lebenserfahrung oder anderen Erwartungen lebten wir zu 90% sein Leben. Ehrlich gesagt, hatte ich ja keins mehr. Bevor ich ihn kennen gelernt habe, hatte ich eine Feier- und Partyphase, nach bestandenem Diplom das Bedürfnis nun den Ernst des Lebens wahrzunehmen. Und irgendwie war es dann halt plötzlich so: sein Haus, seine Agentur, seine Freunde. 20 Jahre später weiß ich, dass das nichts für mich ist und ich mich auch heute trennen würde bzw. es nie so weit kommen würde.
Nach jeder längeren Beziehung war ich (bis auf eine Ausnahme) länger wieder Single. Das Nachfolgemodel kam Ende 20 und hieß Andy. Andy war frisch geschieden, seine Ex behielt die Eigentumswohnung, den Freundeskreis und einen Großteil seines Einkommens. Seine Firma lief schlecht und er zog bei mir ein. Mein Haushalt, meine Hunde, meine Freunde, mein Hobby. Er hatte ja irgendwie kein eigenes Leben mehr. Trotz aller Ermunterungen kam auch aufgrund seines schlechten Gemütszustandes auch keines zusammen. Rückblickend wie bei Felix, die Trennung wäre auch jetzt unvermeidlich bzw. wäre die Beziehung so nicht zustande gekommen.
Mitte 30 lief mir Gerd über den Weg. Gerd liebte seinen Freiraum. Aufgrund meiner Hunde waren wir meist bei mir. Seine Wohnung war eine Männerwohnung. Fernseher, großer Sessel, spartanisch schon fast. Alles doppelt haben inkl. der Hundesachen war aufwendig, außerdem wohnte er nicht weit weg, ergo viel bei mir. Wenn wir Raum brauchten, verzog er sich in seine Höhle. Weder Felix nach Andy hatten mich in Beziehungen, die wesentlich enger gestaltet waren, so mental und vor allem durch Taten unterstützt wie Gerd. Das war unglaublich. Rückblickend war es die Beziehung, die ich mit der heutigen Reife wahrscheinlich nicht beendet hätte. Heute würde ich das Positive der Beziehung viel mehr gewichten als das Negative damals.
Gerade in der letzten Zeit denke ich viel an diese Beziehung. Und klar, nur an die Institution, nicht an den Mann dahinter. Witzigerweise traf ich Felix vor ein paar Jahren beruflich. Inzwischen trennen uns ca. 700km. Als ich in sah und mich mit ihm unterhielt  konnte ich irgendwie nachvollziehen was mich damals so für ihn eingenommen hatte. Auch wenn es heute nicht mehr der Fall wäre. Als ich vor ein paar Wochen mit Andy essen war, erkannte ich sofort warum er damals so anziehend fand. Andy ist einfach einer der besten Gesprächspartner die man haben kann. Auch wenn das heute für mich nicht mehr der entscheidende Punkt wäre. Und Gerd? Ich lief ihm tatsächlich neulich über den Weg. Und? Nichts. Wirklich, ich stand vor ihm und wir unterhielten uns und mir war völlig schleierhaft was mich damals so fasziniert hat. Keinen Schimmer. Verrückt.
Ich meine obwohl die Trennung schmutzig war, hatte ich keinerlei Wut ihm gegenüber. Aber halt auch nichts Gegenteiliges. Mit Felix konnte ich gleich wieder shakern, mit Andy mich unterhalten als hätten wir nie den Kontakt verloren. Mit Gerd war es als ob ich einen ehemaligen Nachbarn im Supermarkt treffen würde. Emotionsloser Small Talk. Höflichkeit. Und das obwohl, jedes Mal wenn es um Beziehung geht, mich an diese etwas wehmütig erinnere.
Vielleicht liegt es darin, dass die beiden ersten Trennungen an gewissen Umständen lagen und nicht in der Person. Vielleicht weil die Verletzungen bei Gerd eine ganz andere Liga hatten? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die ersten beiden Trennungen heute auch gekommen wären, die von Gerd bin ich mir nicht so sicher, weil eben diese Trennung aufgrund tiefer Verletzungen auf der Vertrauensebene basierten und ich heute in diesem Punkt nicht mehr so verletzlich bin. Oder mich mache? Oder sowieso nicht mehr vertraue? Ich weiß es nicht. Ich wüsste es aber gerne.
 

Kommentare:

  1. Bleibt bei mir die Frage, was dieses Wissen nützen würde... oder wozu es gut wäre.

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    1. Ich habe mir gerade die Frage gestellt, ob es ab einem gewissen Alter wie meinem, noch sinnhaft ist, nach Selbsterkenntnis zu streben, da mit die größten meiner Charakterfehler bekannt sind. Ich muss darüber einmal nachdenken.

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