Dienstag, 24. April 2018

Narben


Je älter wie werden, desto mehr werden wir von unseren Ängsten anstatt von unserer Hoffnung angetrieben. Ist von mir und ich stelle es immer wieder fest. Bei mir und bei anderen. Natürlich versuche ich dagegen anzugehen, aber hin und wieder erwischt es mich dann doch.

Ich las neulich mal, dass ein emotionaler gesunder Mensch gut mit sich alleine sein kann. Wenn das stimmt, bin ich emotional pumperlgesund. Ich kann das nicht nur, ich brauche das. Regelmäßig und manchmal sogar offensichtlich mehr als andere. Allerdings hatte ich seit Wochen keinen Abend mehr nur für mich, geschweige denn mal am Wochenende ein paar Stunden. Erst war da Cholera mit der ich ständig nach der Arbeit beim Tierarzt war oder selbst die Wundversorgung übernahm, danach Pest wenigstens eine kleine Runde durch den Wald. Der arme Kerl kam ja auch irgendwie kaum noch raus. Danach schnell was essen, schlafen, arbeiten. An den Wochenenden Seminare gegeben. Irgendwie muss der wirtschaftliche Totalschaden bezahlt werden. Kaum ging`s ihr besser, mussten andere Sachen wieder laufen. Nebenjob zum Beispiel. Cholera war so teuer, dass ich es da nicht schleifen lassen kann. Ich merke, dass meine persönliche Entscheidung keine Kinder zu wollen für mich die Richtige war. Ich bin zu egoistisch mich über Jahre selbst zurück zu stellen und für die Kinder da zu sein. Beim Hund ist das zeitlich viel absehbarer. Aber ich schweife ab.

Ich bin so durch, dass ich abends ins Bett falle und mein Kopf das Kissen noch nicht berührt und ich schlafe schon. Wenn der Wecker klingelt habe ich das Gefühl ein Grabstein liegt auf mir. Tagsüber wieder Stress und viel zu tun. Work, Eat, Sleep, Repeat.

Gestern endlich Raum. Sogar etwas früher Feierabend. Ich liege um 21:30 Uhr im Bett und schlafe sofort selig ein. Nur um 20 Minuten senkrecht im Bett zu sitzen mit völlig unnötigen, abstrusen Gedanken. Gedanken die sich verselbstständigen, irrationale Kreise ziehen und sich zu ausgemachten Ängsten entwickeln. Und ich bekomme sie nicht eingefangen. Ich spüre deutlich jede große und kleine Verletzung der letzten Jahre. Jeder Schatten auf der Seele entwickelt sich zu einer großen schwarzen Mauer und ich mache mir panische Sorgen um Dinge, die noch gar nicht relevant sind.

Es ist als ob eine Welle mich überrollt. Alles was normalerweise in kleinen Dosen kommt und dann in Ruhe zerdacht oder verdrängt werden kann, schwappt über mich drüber und nimmt mir die Luft. Das ist nicht gut, gar nicht gut. Plötzlich kommen mir Tränen, wenn ich an bestimmte Situationen denke und fühle mich macht- und wehrlos. Das ist nicht typisch für mich. Gar nicht.

Das geht nicht. Das darf so nicht sein. Mein Plan war es, bestimmte Dinge nicht wieder so kommen zu lassen. Unter anderem, das ich kurz vorm Zusammenbruch stehe und keine Kraft mehr habe meine persönlichen, emotionalen Grenzen zu spüren, geschweige denn zu verteidigen. Im geheimen Geheimblog steht alles drin, was mir Kraft und Ruhe gibt. Alles was mich erdet und ich muss und will diese Dinge wieder tun. Ich muss nur den verdammten Anfang des momentanen Knoten finden.

Kommentare:

  1. Liebe Nelly, dass das nicht gut klingt, weißt Du ja selber. Ich wünsche Dir, dass Du ganz bald einen Weg aus dieser Schleife findest.
    Wochenlang keinen einzigen freien Raum für sich selbst zu haben stelle ich mir extrem schwierig vor. Da finde ich mich wieder: Ich muss auch mal alleine und will es auch so. (In einer Beziehung zu sein heißt ja auch nicht, dass man aneinanderkleben muss.)

    Könnte der Anfang nicht sein, Wichtiges von Unwichtigem zu sortieren und all das, das nicht so wichtig ist, nach hinten zu stellen, auf später zu verschieben?

    Ich bin ein bisschen zwiegespalten: Einerseits bin ich froh, sehr früh Kinder bekommen zu haben. Jetzt sind sie erwachsen und ich bin immer noch jung genug, das Leben so zu genießen wie ich es möchte. Auch mit ihnen! Mir geht - trotz ihres Alters - oft immer noch das Herz auf, wenn ich sehe, welche Wege sie gehen und wie sie sie gehen - und wie sie mir zeigen, dass ich ihnen wichtig bin. Andererseits denke ich heute auch: Werde ich es eines Tages bereuen, Kinder in diese Welt gebracht zu haben? Ich will sie nicht in einem sinnlosen Krieg verlieren müssen..
    Hätte ich mir also Zeit mit dem Kind bekommen gelassen, würde ich mich heute dagegen entscheiden. Für mich persönlich wiegt nichts so schwer wie der Verlust eines Kindes.
    Andererseits wäre ich dem Stress heute auch nicht mehr gewachsen, glaube ich :)

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    1. In den letzten Wochen war eigentlich nichts zu sortieren. Ich habe alles erledigt was Prio A hatte und damit war der Tag auch schon rum. Das schwierige ist, wenn ich z.B. das Training absage, bin ich genervt, weil ich schon wieder Dinge absage die mir wichtig sind, weil die Kraft fehlt. Blöder Teufelskreislauf. ich denke, hoffe, ab Mai wird es besser.

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  2. Das mit den Kindern, das habe ich gelernt, ist eine sehr heikle Sache. Ich wollte eigentlich nie Kinder haben. Aus ähnlich Gründen wie Sie... und nun... drei... plus das schwarze-flauschige Kind auf vier Pfoten.

    Das mit den Ängsten... nun, zumindest wäre es etwas, was einen antreibt. Ich empfinde das Älterwerden mehr als desillusionieren. Und das ist ein echtes Problem, weil es den Sinn nimmt. Mir zumindest.

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  3. Ich merke das mein persönlicher Entscheid keine Kinder zu bekommen richtig war/ist.Kann ich voll unterschreiben,Habe mich mit 26 Jahren unterbinden lassen.Frühstmöglich bei uns(Vorarlberg Bregenz).

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