Mittwoch, 27. Dezember 2017

Der Antrag



Ich habe in meinem Leben 3 Heiratsanträge bekommen. Einen habe ich verneint, einen angenommen und warum ich trotzdem keinen Ring am Finger hatte, ist eine andere Geschichte, den Dritten habe ich nicht kommentiert. Mir ist ja schon viel Schräges in meinem Leben passiert, aber da war ich tatsächlich sprachlos.

Ich war die letzten 2 Abende, Nächte, mit „Herrn Rosenbaum“ unterwegs. Die Menschen die mich im Moment hintern Ofen vorlocken können, kann ich locker an einer Hand abzählen. Er gehört definitiv zu den Top 3 dieser Menschen. Am ersten Feiertag im tiefsten Brandenburg. Tanzen, feiern, vertikal und horizontal. Lachen, schwitzen, fühlen, leben, bis Sie uns irgendwann fast aus dem Laden gefegt haben. Und weil wir so angefixt waren, gleich für den nächsten Abend noch mal verabredet. 

Unsere Wahl fiel auf einen Laden, um den ich normalerweise einen Bogen mache. Viel junges, feierwütiges Volk da drin. Da fühle ich mich zu alt, aber jetzt passte es in meine, unsere Laune.
Und wie immer kennt Herr Rosenbaum natürlich jemanden dort. Bisher war es so, dass jeder Kontakt, den ich über ihn bekommen habe nicht nur viel versprechend war, sondern der Eindruck auch bestätigt wurde. Und im Laufe des Abends amüsierten wir uns also mit dem Pärchen und die „Tanzfläche“ füllte sich, mein Blick viel auf einen Typ, breite Schultern, durchtrainiert, gepflegter 3-Tage Bart und Tattoos an den richtigen Stellen. Hübscher Kerl. Überall. 

Er reicht mir unter der Dusche das Handtuch, das Duschgel und schaut verzückt. Sagt kein Wort. An der Bar, als Herr Rosenbaum gerade Mal nicht in meiner Nähe war, stellt er sich vor mich, strahlt und meint:

Kerl: Ich möchte mit Dir spazieren gehen!
Ich (sehr eloquent): Jetzt?
Kerl: Nein, jeden Tag!

Ich lächle einfach. Bin auch ein bisschen Hirntot in dem Moment. Ich meine ich habe schon echt vieles erlebt, also was Kerle im Hormonrausch alles sagen, aber das war schon arg niedlich. Vor allem von einem Kerl mit dieser Optik.

Nun ja, der Abend verläuft weiter sehr gut, wir „tanzen“ viel, ausgiebig in verschiedenen Konstellationen. Der Hübsche immer dabei. Immer in meiner Nähe. Präsent aber nicht zu aufdringlich. Sehr patent der Gute. Macht Spaß und dann passiert es. Ich sortiere mich gerade, wir wollen gleich aufbrechen und er fällt an der Bar auf seine Knie, nimmt meine Hand und sagt ernsthaft „heirate mich.“

Ich schwör`s, selbst mit mehr Blut im Hirn, hätte ich nicht gewusst was ich darauf sagen soll.
Ich hab seine Nummer, mal sehen ob ich mich melde und wie er so ist, wenn er nicht im Hormonrausch ist.

Herr Rosenbaum musste herzhaft lachen und fragte mich, wie ich es schaffe auf jeder Party einen Kerl zu haben, der wie ein kleiner Satellit um mich rum ist und ich noch nicht mal mehr selbst meine Schuhe anziehen muss.


 

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Knock out



Es gibt Dinge, die passieren immer nur Anderen. Es gibt Dinge, die können einem selbst nicht passieren. Dafür ist man viel zu tough und außerdem kennt man sich selbst und lässt es nie soweit kommen. Theoretisch weiß man was ein Burnout ist, hat neulich sogar einige Fachartikel dazu gelesen und denkt sich, passiert mir nicht. Ich befolge alle Tipps darin dagegen automatisch. Dabei vergisst man, dass man seit Wochen schon keine Kraft mehr hat diese Dinge zu tun.

Und plötzlich ist es, als ob jemand den Stecker gezogen hat. Nichts geht mehr. Der angebliche Auslöser ist der berühmte Tropfen, der aber nichts zum überquellen bringt, sondern einen von jetzt auf gleich ausknocked. Rien ne va plus. Das Betriebssystem fährt nicht mehr ordnungsgemäß hoch. Irgendwas ist beim Stecker ziehen, anstatt beim ordentlichen runter fahren, kaputt gegangen. Normal Modus Start funktioniert nicht. Die Kiste stürzt ständig ab. Ich schleppe mich noch eine Woche ins Büro. Magenschmerzen und dröhnende Kopfschmerzen. Ich schlafe nicht oder kaum. Selbst die Runde mit den Hunden fällt unglaublich schwer. Alles ist belastend. Eine Glühbirne muss gewechselt werden und diese Aufgabe erscheint wie unlösbar und schwierig und zeitlich unmöglich. 

Ich sitze mit Heulkrampf bei meiner Hausärztin. Der hält schon tagelang an und wird nur kurz unterbrochen weil mein Reststolz es verboten hat der auslösenden Arschmade diese Genugtuung zu gönnen. Die rennt seit Tagen lächelnd und pfeiffend durch die Gegend und badet sich in seinem fragwürdigen Sieg. Die Gute zieht mich gleich für ein paar Wochen aus dem Verkehr. Die Meldung sorgt wohl für einigen Wirbel. Die Oben sind sich nicht einig und ich musste es ausbaden und jetzt macht man sich Sorgen ich könnte meine Motivation verlieren. Aha.

Das Schlimmste am Knock out ist, dass es kaum jemand versteht, kaum jemand nachvollziehen kann, dass eben gewisse Dinge nicht mehr gehen. Alle Tipps die man bekommt hängen mit Anstrengung, Gegenwehr und Aktion zusammen. Und genau das geht nicht mehr. Und wenn auch noch 1% Akkuladung vorhanden war, geht diese dabei drauf wenn man ständig sagen „nein“ sagen muss. 

Du musst jetzt dies und jenes tun, geh zum Anwalt, wehr Dich, dokumentiere, was auch immer. Alles gut gemeint, aber der Akku ist nun mal leer und genau das sind die Dinge, für die keine Energie mehr da ist. Man erntet Unverständnis, ob der Passivität und (Selbst-)Aufgabe. Jeder zieht an einem rum, will helfen, das Wenigste ist echte Hilfe. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Jedes kleines „nein“ saugt mich weiter aus. Ein Wunder, dass überhaupt noch was da ist. Zum Glück, denn sonst wäre die Gleichgültigkeit vollkommen und selbst die leere Hülle von mir weg. Das Einzige was ich noch will, der einzige Wille der noch in mir ist, ist nicht mehr „nein“ sagen zu müssen. 

Eine Woche blinder Aktionismus der einen nicht vorhandenen Energielevel vortäuscht, aber nicht bindend, nicht verpflichtend ist. Mit einer Vereinskollegin ein halbes Monatsgehalt vershoppt. Großputz, Dinge weg räumen. Ist wie seelische Kehrwoche. Aber Pflicht und Pläne stressen mich. Wochenende das erste Mal seit Wochen mit Pest und Cholera im Training. Mittags eine Nachfrage. Wir wollten vielleicht ins Kino gehen abends. Er macht Pläne, Zeitplan. Ich klinke aus. Ich kann nicht. Es geht einfach nicht. Zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein, unmöglich. 

Am Montag steht „der Schmock – die Polizei – das SEK“ auf einer Leiter in meinem Wohnzimmer und streicht die Decke. Das hat etwas Surreales. Vielleicht ein positiver Effekt meiner Wehrlosigkeit und meinem momentanen Unvermögen „nein“ zu sagen. Ich habe keine Energie darüber nachzudenken wie es zu dieser Situation kommen konnte nach allem was passiert ist. 

Gleichgültigkeit kann auch was Positives haben. In dieser Nacht schlafe ich endlich durch.

Dienstag. Ich habe immer noch das Gefühl für Nichts Zeit zu haben. Obwohl ich erst am 02. Januar entscheiden muss, ob ich zum Arzt oder ins Büro gehe. Das Wohnzimmer ist strahlend weiß, ich habe um 9:00 Uhr einen Termin. Im Büro. Cheffe kommt angeflogen. Krisengespräch. Ich habe zugesagt zu kommen. Nicht aus Überzeugung, sondern weil ich keine Energie hatte zu argumentieren warum es nicht geht. Er präsentiert stolz seine Lösung des Problems und strahlt ob seinem super Vorschlag, der gelinde gesagt ein paar Monate zu spät kommt. Ich nehme es hin. Sage nur zu einem Punkt ein deutliches Wort. Für mich ist seine Lösung ein Placebo welches nicht wirken kann, weil ich weiß, dass es nur Zucker und keine Medizin ist. Ich verabschiede mich. Cheffe findet auch, dass ich schlecht aussehe. Aha. 

„Er“ schreibt tonnenweise WhatsApps mit Veranstaltungen für die er Karten für uns besorgt hat. Ich ticke wieder aus. Das ist genau das was ich nicht will. Termine, das Gefühl verpflichtet zu sein. Er meint es gut, aber versteht wie so viele nicht, wie es mir geht. Versucht über Aktion Dinge zu lösen und zu helfen. Der letzte Wille in mir ist der, nicht ständig „nein“ sagen zu müssen. Ich war 2h im Büro und sofort habe ich wieder höllische Kopfschmerzen. Beide Knie tun weg, ich kann mich kaum bewegen. 2h! Ich dachte ich bin auf einem guten Weg. 

Wäre „der Schmock – die Polizei – das SEK – am Montag nicht gekommen, wäre mein Wohnzimmer gestrichen oder auch nicht. Keine Ahnung ob ich es alleine gemacht hätte oder eine Woche in zusammen gerückten Möbeln gewohnt hätte. Die Birne im Bad ist immer noch nicht gewechselt. Das sollte ich tun, ist Pflicht, das stresst mich. Wohnzimmer streichen war etwas, das kann man tun, muss man aber nicht. Anderer Sachverhalt. Vielleicht setze ich mich morgen ins Auto und fahre zu meinen Eltern, vielleicht auch nicht. Während ich kraftlos um die Heizung etwas gepinselt habe, hat er 3 Wände inkl. Decke gemalert. Wortkarg wie immer. Diesmal fand ich es entspannend. Theoretisch hätten wir viele Fragen gehabt, praktisch wäre das zu anstrengend gewesen. Nach getaner Arbeit sitzen wir auf dem Sofa. Keine Musik, kein Fernsehen. Mein Kopf an seiner Brust in der man keinen Herzschlag hört. Wie bei Pest, wenn er sich nachts an mich schmiegt und durch die Ruhe die er dann ausstrahlt beruhigend wirkt. Wie bei Pest muss ich ob dieser Ruhe kontrollieren ob da überhaupt noch Atem ist. Und gerade als ich einfach anfangen wollte zu weinen, einfach alles raus lassen wollte, musste ich wieder ein „nein“ sagen. 

Und bei jedem „nein“ stirbt ein weiterer, kleiner Teil von mir bis ich irgendwann nicht mehr da bin und nicht mehr „nein“ sage, weniger als eine leere Hülle ohne Willen.