Sonntag, 17. September 2017

work-eat-sleep-repeat



Die letzten Wochen waren mörderisch. Ich habe genau das Leben geführt, das ich nicht leben möchte. Morgens zu spät aus dem Bett, sich beeilen müssen, ab ins Büro, dort so viel Arbeit, dass ich Abends völlig fertig bin und mich nicht erinnern kann wo ich geparkt habe. 

Als das anfing produzierte mein Körper brav Adrenalin und Noradrenalin in der Menge eines Rindes auf einem Tiertransport quer durch Europa. Entsprechend war ich bei der geringsten Kleinigkeit auf „fight“ eingestellt. An Einschlafen war kaum zu denken. Nach einiger Zeit war ich nur noch müde und beim kleinsten Anflug von Konflikt völlig gleichgültig, Resignation. Zu nichts mehr Kraft, Trainings und Verabredungen abgesagt. Kein Sex, noch nicht mal mit mir selbst. Nur noch eine Hülle, die funktioniert. Nicht gut, gar nicht gut. Ich rauche zu viel und mache keinen Sport. Ich bin beweglich wie eine deutsche Eiche und dynamisch wie eine tote Qualle. Das Hirn weiß, dass man sich aufraffen müsste etwas zu tun, was gut tut, der Körper verweigert seinen Dienst. 

Panik, ich liege wach und denke an das letzte Jahr. Das Jahr im emotionalen Zombieland. Das Jahr in dem ich so runter war, dass ich mich habe runter ziehen lassen, mich selbst erniedrigt und in die Position eines Bittstellers gebracht habe. Ich erwische mich, wie ich in Verhaltensschemata verfalle, die mir nicht gut tun, ich schaue mehrfach auf dem Profil vom „Schmock aka die Polizei aka SEK“ nach, ob es Neuigkeiten gibt. Gibt es und ich denke ernsthaft drüber nach und thematisiere das sogar mit L. Die Erkenntnis fühlt sich an, als ob mir einer von hinten einen Baseball Schläger über den Schädel zieht. Ich liege wie ein toter Maikäfer auf dem Sofa und ziehe Bilanz. Durch den Stress sage ich Trainings ab, treffe mich nicht mit M. für ein gepflegtes Besäufnis, esse ungesund, bin zu faul für Sport, blogge nicht mehr, auch nicht im geheimen Geheimblog und möchte meine Mitmenschen vor den Bus schubsen. Wahhhhhh…das ist gruselig.

Im Geheimblog steht, dass ich neulich trotz Müdigkeit mit J. Essen war. Mit der klaren Ansage, dass ich keinen Bock auf Sex habe, wir aber gerne eine Unterhaltung haben könnten. Hatten wir und es war ein schöner Abend, es tat mir gut. Ich danach ins Bett, er feiern. Ich mache ihm 2 Wochen später exakt die gleiche Ansage und wir gehen essen. Wir könnten mehrere Nächte durch reden und uns würden nicht die Themen ausgehen. Danach ich wieder in die Heia und er feiern. Gestern Morgen habe ich ihm einen Kaffee gekocht bevor ich in Heim in sein Dorf in Niedersachsen geschickt habe. Jup, richtig gehört, er war morgens da und meine kleine sozial- und bindungsphobische Welt ist nicht untergegangen. Danach gehe ich ins Training, ich bin todmüde aber entspannt. Ich weiß es liegt eine Woche Urlaub vor mir. Ich weiß nicht wie J. das macht, aber immer wenn ich mich mit ihm getroffen habe, kann ich wieder einfach den Augenblick genießen, nicht alles zerdenken. Es ist mit ihm wie es ist, einfach eine gute Zeit ohne „aber wenn und dann und überhaupt.“

J. wird nie einen Arbeitstitel hier bekommen. Das würde ihm nicht gerecht werden. Immerhin reden wir von einem Mann, der mich mit einem simplen Gespräch vom Zombieland wieder ins Reich der Lebenden, der Lebendigen, der Lebensbejahenden und emotional Entspannten bringt. Und das, obwohl die Rahmenbedingungen für Außenstehende genug Grund zum zerdenken, zerreden und zerpflücken geben würden. Er ist verheiratet und wohnt nicht in der Stadt, eine Zweitwohnung in der Stadt. Ein- zwei Mal im Monat hier. Wir treffen uns wenn ich dann Zeit habe oder auch nicht. Er kennt den ein oder anderen Liebhaber von mir und ich die ein oder andere Geliebte von ihm. Wir reden entspannt darüber. Ich mag ihn unglaublich gerne und bin mir sicher er mich auch. Wir wissen, dass das nicht ewig andauern wird. Solche Arrangements haben einfach eine geringe Halbwertszeit. Irgendwann kommen andere Gefühle ins Spiel, die alles komplizieren, die unsicher machen. Oder er hat sich genug ausgelebt und will wieder zu 100% in seiner kleinen Dorfwelt leben, mit Schützenfest und Gemeindebeirat. Oder ich verliebe mich in einen anderen oder ein anderer in mich. Ich habe neulich einen ziemlich netten Singlemann auf einer Party kennen gelernt und er gab mir seine Telefonnummer. Aber das ist mal wieder eine andere Geschichte. 

Wenn ich mit J. zusammen bin, merke ich wieder, dass ich emotional werden kann und will. Das mein Herz voll Wärme ist und ich das Positive sehen kann. Ich bin mir sicher, dass es ganz im Geheimen daran liegt, dass mein kleines, verschlossenes und bindungspanisches Unterbewusstsein weiß, dass dieser Mann mir ja nicht wirklich gefährlich werden kann. Nicht weil die emotionale Ebene nicht stimmt, sondern weil die Ratio das Sicherheitsseil, die letzte kleine Selbstschutzmauer aufrecht erhalten kann. Die Ratio lächelt uns sagt: er ist verheiratet, er liebt sein Leben im Dorf, egal was ihr habt, Du musst nicht darüber nachdenken, es ist endlich und Du kannst jeden Gedanken, ob und wie Dein Leben sich verändern könnte, nicht haben. Liebe Emo, Du musst keine Angst haben, denn ich, die Ratio beschütze Dich und halte Dich fest.
 
Am Freitag saß J. neben mir im Club. Wir können die Hände nicht voneinander lassen, knutschen wir Teenager, wenn er mich ansieht, hat er Lollis in den Augen, eine sehr spezielle Art von Verliebtheit, rational abgesichert und ich weiß, ganz tief im Inneren, dass ich mich wieder verlieben kann und will, dass es passieren wird und es nicht selbstzerstörerisch und erniedrigend sein wird. Ein unglaublich schönes Gefühl.



Dienstag, 5. September 2017

Theorie und Praxis

Irgendeine Hündin in der Nachbarschaft ist läufig. Das weiß ich, weil Pest minutenlang an einem Grashalm schnuppert und dann Sabberfäden aus seiner Gosche kommen.

Theoretisch ist er kastriert. Praktisch hat er das vergessen. Er ist sogar ein sogenanntem Frühkastrat, wurde also vor der -theoretischen- Geschlechtsreife kastriert. Diese, da sind sich die Experten einig, zeigt sich bei Rüden durch das Heben des Beines beim Pullern.

Pest pinkelt bis heute wie ein Mädchen. Jedenfalls wenn er sich unbeobachtet fühlt. Dabei pinkelt er sich regelmäßig Vorderläufe und kann dann vor lauter Ekel nicht mehr laufen. Keinen Meter. Ich habe mir bereits vor Jahren angewöhnt immer Feuchttücher dabei zu haben. Spazierengehen ist schöner als Spazierenstehen.

Aber ich schweife ab. Im zarten Alter von 16 Wochen hat Pest entdeckt, dass es Männlein und Weiblein gibt und beschlossen ausschliesslich das Letztere gut zu finden. Seine Begeisterung drückte er durch umgehendes, völlig wahlloses Bespringen aus. Gross, klein, dick oder dünn? Egal. Hauptsache weiblich. Für dieses Hobby war er bereit viele Kilometer zu laufen. Gerne auch von mir weg. Durch diese Aktionen hat er ein dickes Halsband mit meiner Telefonnummer in Leuchtlettern gewonnen. Meine Nebenhoffnung so einen patenten Hundeliebhaber kennen zu lernen ist eine völlig andere Geschichte.

Trotzdem war es nervig Spaziergänge nicht mehr planen zu können weil ich ja nie wusste wo ich ihn wann von welcher Hündin abpflücken durfte und er wachte eines Tages ohne Klöten beim Tierarzt auf.

Alle einschlägigen Experten sind sich einig, dass ich ihm so jede Chance genommen habe sich zu entwickeln und er von anderen Hunden nicht mehr ernst genommen wird. Die Praxis zeigt, dass der 10kg Frühkastrat grosse Schäferhunde rumkommandiert.

Zudem meine Hoffnung er würde mal an eine richtig, hundliche Kampflesbe geraten und Prügel kassieren sich auch nie erfüllt hat. Pest hatte sie alle und jede ließ ihn ran. Selbst die zickigsten Weiber hielten brav still. Wahrscheinlich waren auch ein paar hündliche Lesben dabei. Allerdings ist es mir ein  Rätsel wie er das gemacht hat.

Ich meine stellt euch mal vor Pest wäre ein Kerl. Dann wäre er gerade so 150cm gross und wäre spargeldürr. Er hätte kein eigenes Einkommen  und würde sich in einer WG von zwei Weibern durchfüttern lassen. Dazu untreu und ein Prolet. Und dieser Kerl bekommt jede Frau rum? Auch ohne Klöten!

Jedes mal wenn mir jemand denn bescheuerten Satz "Hunde sind die besseren Menschen" an den Kopf wirft, ist das einer der Gründe warum ich schallend los lache.