Sonntag, 20. August 2017

Bad Zone


Ich war leider, leider wieder ein paar Tage in der Bad Zone. Die Bad Zone, die manche auch Komfortzone nennen. Komfortabel finde ich die nur bedingt. Sie tut mir nämlich nicht gut. Langfristig gesehen. Deswegen nenne ich sie Bad Zone. Außerdem führt die Bad Zone auch gerne mal ins emotionale Zombiland. Das wäre jetzt irgendwie ganz blöd nach dem ganzen self improvment Gedöns.

In der Bad Zone arbeite ich wie ein norwegischer Baumfäller, bin abends völlig fertig, ziehe mir Fertigfutter rein und hänge auf dem Sofa. Ich bin einfach nur noch kaputt und will meine Ruhe. Ich pflege keine Kontakte mehr. Höchstens mal schnellen, unverbindlichen am besten anonymen Sex. In ganz schlimmen Phasen mündet das in sozialphobische Züge. Außerdem nervt mich meine Umwelt. Im Zweifelsfall durch Anwesenheit. Die Bad Zone ist also pfui, aber verlockend. Denn manchmal ist der Job, der Alltag und das pure Leben einfach anstrengend. In der Bad Zone schreibe ich abends stundenlang oberflächige WhatsApps mit zick Leuten. Obwohl ich weiß, dass ich dann nicht runter komme und schlecht schlafe. Ein ernsthaftes, gutes Gespräch ist mir aber zu anstrengend und ich bin gegenüber Menschen, die mir eigentlich wichtig sind unachtsam. Ich lasse mich wieder in Sachen reinziehen, die nicht mehr als unwichtiges Geläster sind und mich nerven und mich schon gar nicht weiter bringen. Ich fühle mich bedürftig, manchmal einsam, unternehme aber nichts dagegen. Ich bin zu ausgelaugt, um mich abzugrenzen, zu verbraucht um klar zu formulieren was ich nicht will. Und ich kann mich gegen die Pessimisten und passiv-aggressiven Idioten auf diesem Planten nicht abschirmen. 

All diese Punkte ziehen mich noch weiter runter. Die Bad Zone ist wie eine Grube Schlamm. Je weiter man drin versackt, desto schwerer kommt man raus. Scheiß Spiel. Man hat eh kaum Kraft und dann wird man auch noch immer tiefer in den Sand gezogen bis man gerade noch so den Kopf raus recken kann.

Dabei weiß ich genau wie die Good Zone aussieht. Ich weiß auch, was in die Good Zone gehört. In der Good Zone ist mein Job immer noch hart, aber er fällt mir nicht schwer weil ich jeden Tag sehe, dass ich, ganz echt jetzt, verdammt gut darin bin. Ich bin achtsam, besonders mit mir selbst. Ich kümmere mich gut um mich, mache Streching und latsche nicht morgens mit der Beweglichkeit einer deutschen Eiche durch den Wald. Ich mache mich jeden Tag hübsch und hänge nicht im Kapuzenpulli im Büro. Tee anstatt Kaffee. Kaffee macht mich nervös. Außerdem bin ich positiv gegenüber Menschen und die Idioten gehen mir am Arsch vorbei. 

Ich fühle mich nicht bedürftig und schon gar nicht machtlos. Ich weiß, immer wenn ich Dinge aktiv angehe, dann gelingen sie und solange mir keiner eine Waffe an den Kopf hält, habe ich immer die volle Entscheidungsgewalt. Und mein kleines Herz geht offen auf Menschen zu und sie auf mich. Und so wie die Bad Zone einen immer weiter versacken lässt, ist die Good Zone wie ein Luftballon, der einen locker und leicht über den Dingen schweben lässt. Fatalerweise hat man ja immer den Wunsch, dass man jemanden trifft, der so ein Luftballon sein könnte. Ganz gefährlich. Dann projiziert man die Hoffnung, die Sehnsucht, dass man aus dem Schlamm aufsteigt auf jemanden anderen, der zwangsläufig an diesem Anspruch scheitern muss und im schlimmsten Fall Kanal für all den Frust wird. 

Will ich nicht. Mach ich nicht. Führt zu nichts. 

Ich muss morgens wieder konsequenter durch den menschenleeren Wald und nicht mich noch mal umdrehen. Das ist die Stunde in der ich mich selbst sortiere und mir klar wird, was und wer mir was bedeutet und was und wer mir gut tut. Ich kann da gerade so viel nicht einordnen. 



Kommentare:

  1. Immerhin kannst Du gut erkennen, was die guten Zeiten von den weniger guten unterscheidet. Phasen in der Bad Zone gehören leider fürchte ich zum Leben dazu. Wer schwebt schon immer als Luftballon durch die Gegend? Ab und zu darf auch der Luftballon mal gucken wie es da unten so ist um dann schnell wieder nach oben zu schweben ;)

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  2. Was meinst Du denn mit "anonymer" Sex?

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    1. dann will ich noch nicht mal wissen wie er seinen Kaffee trinkt ;-)

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    2. Ah okay ;-). Ist das dann immer der gleiche oder wo findest Du die Jungs?

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    3. Meine Stammliebhaber sehen gerade auch wenig von mir.
      Quick&Dirty findet man in den einschlägigen Foren 😉

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  3. Das klingt für mich nicht nach einer Komfortzone, sondern nach einer ausgewachsenen Depression.

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    1. Klar, wenn man einen Hang zur Dramatisierung hat

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  4. Danke für diesen Text. Hat mich zum Nachdenken gebracht, auch wenn er gar nicht für mich geschrieben war. D.e.s.h.a.l.b geht es mir also in der Komfortzone manchmal nicht ausschließlich gut! Das ist für mich ein echter Wechsel des Blickwinkels.
    Hey echt, danke dafür :-)
    Gruß, Andrea

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