Mittwoch, 19. April 2017

Haltung bewahren



Ich schrieb neulich einem Trainingskameraden, dass die Zwangspause vielleicht ganz gut ist. Zugegeben, am Wochenende bin ich latent frei gedreht und habe in der einen oder anderen Situation etwas unsouverän reagiert, aber heute denke ich, dass das gar nicht so schlimm war. Weh getan hat es jedenfalls nicht.

Ich bin als Mädchen erzogen worden und wer denkt, dass das heißt, dass ich tussig und weinerlich dadurch bin, täuscht. Im Gegenteil, ich weiß nicht wie die Leute auf die Idee kommen, Männer hätten als Kind nicht weinen dürfen und dadurch Probleme. Okay, Jungs auf dem Dorf durften wirklich nicht heulen, aber sie durften alle anderen Emotionen haben. Sie durften wütend die Türen knallen, sich auch mal prügeln oder trotzig in der Ecke sitzen. Für die Jungs auf dem Dorf war es völlig okay Emotionen zu haben und diese auch zu zeigen. Jedenfalls solange sie nicht flennten.

Bei Mädchen war das etwas völlig anderes. Wir Mädchen durften die Türen nicht knallen, nichts kaputt machen und schon gar nicht jemanden verprügeln. Was wir durften war eine Träne, aber wirklich nur eine, verdrücken und dann unsere Wut oder Trauer runter schlucken. Wieder lieb und adrett sein und vor allem verständnisvoll und nachgiebig. 

Sowieso mussten wir Mädchen immer Verständnis haben und auch alles teilen. Selbst mit dem Kerl, der uns immer an den Haaren zog. Im besten Fall durften wir unseren großen Bruder holen und der durfte den Haare ziehenden Typen dann verprügeln. Nur mal nebenbei erwähnt war mein großer Bruder eine totale Streberlusche und hätte sowas nie gemacht. 

Die Mütter meiner Klassenkameradinnen zeichneten sich alle durch eine wahnsinnige Geduld aus. Sie waren diszipliniert und jammerten nicht. Auch nicht, wenn sie mit einem saufendem Idioten verheiratet waren. Man hat ihn geheiratet und Männer sind nun mal Männer. Basta.

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis, also meine Generation, sind viele Frauen bis heute bis zur Kotzgrenze verständnisvoll und beleuchten alles immer von allen Seiten, differenzieren brav und, und das ist das aller Schlimmste, verzeihen sich selbst kaum Emotionen. Oh je, ja nicht das Gesicht verlieren, Haltung bewahren. 

Je älter ich werde, desto mehr nervt mich das. Besonders an mir selbst. Besser vor allem bei mir selbst. Gibt es zwischenmenschliche Probleme, kann ich stundenlang darüber nachdenken warum der andere so handelt wie er handelt und kann es, natürlich auch verstehen und noch viel schlimmer, überlege ich, wie ich mein Verhalten ändern kann, damit er sein (angebliches) Kacktrauma überwindet. Würg. Das macht Magenkrämpfe. Vor allem weil ich weiß, dass ich nicht für sein inneres Dilemma verantwortlich bin und es schon gar nicht ändern kann. Bindungsphobie, traumatische Trennung oder leichte bis mittlere Persönlichkeitsstörung? Ist doch nicht meine Wiese. Solange ich nicht persönlich beleidigend werde, ist das doch sein Problem. Soll er doch behalten. 

Mal davon abgesehen, dass ich finde, dass die halbe Gesellschaft viel zu viel auf Idioten und Deppen mit Rücksicht und Verständnis reagiert, warum tappe ich doch immer wieder in diese „Mitfühl- und Verständnis-Falle?“ Gibt es keinen Weg wie man emphatisch sein kann, aber sich nicht gleich das Emo-Problem des anderen zu seinem eigenen macht?

Ich habe die Voraussetzungen dazu als Kind nicht gelernt, also nicht gelernt zu meinen Emotionen zu stehen und sie gesund auszuleben, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dazu auch nicht unfähig bin. Sonst wäre ich ja eine völlig überdrehte Hippytussi. Bin ich nachweislich nicht. Außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass so viele Frauen immer wieder auf Vollpfosten rein fallen, genau darin der Grund zu suchen ist. Wir, auf Verständnis und Unterdrückung der eigenen Emotionen erzogen, werden von diesen Typen immer wieder so lange ausgelutscht und überstrapaziert bis wir übrigens genau das werden, was wir auf keinen Fall sein wollen. Eine Zicke. Dann machen wir uns Vorwürfe, nehmen uns wieder zurück, wer möchte schon eine Zicke sein und zack, alles beginnt von vorne. 

Will ich nicht. Weder alles unterdrücken noch zicken. Aber Menschen, die emotionale Regungen sofort als zickig abstempeln, können mir auch gestohlen bleiben. Jahwohl. 

Kommentare:

  1. Also entweder zicken Sie gerade ein bisschen oder möchten auf den Arm ;-)

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  2. Wie war das noch gleich "ich bin nicht zickig, ich bin emotional flexibel" ;) - oh wie gut ich das kenne, immer schön anpassen und ja nicht durch Emotionen auffallen.

    Mädchen wird übrigens auch oft sehr früh beigebracht, dass das Zeigen ihrer Emotionen Erpressung ist und Frauen wird genau das sehr gerne vorgeworfen.

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    1. Es gibt beides. Viele Frauen lernen auch sehr früh, dass sie durch emotionale Ausbrüche ihren Willen bekommen und setzen das dann ihr Leben lang in Form von Erpressung ein.

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    2. Das sind aber Prenzl-Berg Prinzessinen ;-)

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  3. Daraus resultiert, dass von männlichen Kollegen bei Konflikten mit Kolleginnen gern mal "Du reagierst jetzt zu emotional"-Karte gezogen wird, weil es eben die ultimative Diskreditierung ist. Und dann ist es kontraproduktiv "Keine Argumente mehr, Saftsack?" zu antworten (für euch neulich erst getestet).
    Zorn ist eine gute Emotion.

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    1. ja, das stimmt. Gerade in meiner Branche: wenn Kerle rumtoben ist er halt leicht cholerisch, wenn ich mal tobe bin ich sofort nicht belastbar und hysterisch

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