Dienstag, 14. März 2017

Zwischen Dantons Tod, Hiob und Alprazolam

Der erste Tag im Büro an dem es wohl etwas entspannter läuft seit Wochen. Letzte Woche noch Jahresgespräch mit dem Cheffe.


Eigentlich habe ich 2017 mein Zeitmanagement geändert. Ich mache weniger im Nebenjob, dafür lukrativere Aufträge. Das klappt theoretisch, praktisch muss ich den Vorteil noch rausfinden. Ich bin zwar unter der Woche abends früher zu Hause, aber oft halt dann den ganzen Samstag mit Nebenjob auf den Beinen.


Ich schlafe tief wie ein Baby, nur etwas zu wenig. Mir sieht man wenig Schlaf immer direkt an. Und in meinem Alter hilft da auch kein Chichi wie Gesichtsmasken. Ich sollte über Botox nachdenken, denn der Plan früher ins Bett zu gehen, scheitert an verschiedenen Faktoren.


Heute Morgen das erste Mal seit Choleras Pfoten-Panne um 6 im Wald. Es ist hell, die Vögel brüllen. Hell ist nett, aber hell bedeutet auch, dass ich den Wald nicht mehr für mich alleine habe. Um 06:30 Uhr steht es 2:0 für meine Hunde mit diversen anderen Hunden.


Normalerweise wäre der Tag versaut. Vor 07:00 Uhr bin ich extrem sozialphobisch und will nur meine Ruhe, heute ist es mir egal. Nicht so fatalistisch egal wie bei Dantons Tod, nicht so schicksalsergeben egal wie bei Hiob, eher ein relaxtes Alprazolam-Scheiss-Egal. Das fühlt sich gut an. Irgendwie ist gerade vieles nicht wichtig. Dafür anderes sehr.


Mein Kollege ist in Bestform und ich beschließe seinen Eskalationsmodus zu ignorieren. Ich weiß, ich könnte ihn nicht nur zum Platzen bringen, sondern auch mit 2, 3 gezielten Sätzen seine Unsicherheit so schüren, dass er das ganze Wochenende Kopfkarussell hat. Ich tu`s nicht. Es reicht zu wissen, dass ich es kann.


Sonntag. Alle sind hektisch und stressig weil nächste Woche Prüfung ist. Man könnte denken, dass ihr Rentenbescheid vom Ergebnis abhängt. Mich nervt dieser Stress in meiner Freizeit. Aber anstatt völlig angenervt zu sein, beschließe ich, ich könne auch 3h Gassi gehen. Ich weiß, ich muss nicht hier sein. Ich habe diese Woche 60h Arbeit runter und brauche meine Nerven für die nächste Woche. Und solange mir keiner eine Waffe an den Kopf hält, muss ich eh nichts. Ich klinke mich aus und habe ein paar schöne Stunden mit 3 Menschen, die mir wichtig sind.


Dieses entspannte Gefühl kannte ich eigentlich nur, nachdem ich entweder wirklich eine Alprazolam genommen hatte oder mich irgendein körperlich weit überlegener Kerl durch die Kissen geschubst hatte. Alprazolam hat heftigste Nebenwirkungen und das mit den Kerlen, ach nö, möchte ich gar nicht drüber schreiben.


Ich habe 2 Dinge die letzten Jahre gelernt und langsam kann ich sie stabil anwenden:


  • Ich bin für die schlechte Laune, den Stress und die Nerven anderer nicht verantwortlich. Kollege hat schlechte Laune? Das liegt nicht an mir, er ist wie er ist. Und es ist auch nicht meine Aufgabe für gute Stimmung zu sorgen. Ich weiß, der wäre auch ohne mich wie er ist. Sowieso haben ganz selten Aktionen und Launen von Menschen direkt was mit einem selbst zu tun. Außer natürlich ich schubse jemanden die Treppe runter. Solange ich ruhig und sachlich bleibe, ist es nicht meine Verantwortung, wenn jemand gleich getriggert wird. Ich habe diese Wunden in der Regel nicht verursacht. Ich kann nur entscheiden, ob ich drauf eingehe oder nicht.


Und dann sind wir auch beim zweiten Punkt.
  • Ich habe immer eine Wahl. Ich kann immer entscheiden. Selbst die Entscheidung mich nicht zu entscheiden ist eine Wahl.
Eine Freundin hat beschlossen keinen Kontakt mehr mit mir zu haben. Ich habe ihr ein Gespräch angeboten, sie hatte keine Zeit dafür. Normalerweise müsste ich schlecht schlafen, weil ich sie gerne habe, aber ich habe ganz bewusst die Entscheidung getroffen ihr nicht hinterher zu rennen. Ich habe ein Angebot gemacht, es ist ihr Ding einen Gegenvorschlag zu machen und nochmal meins, es so zu lassen.


Dieses Bewusstsein entspannt. Also das, dass ich mitnichten hilf- und/oder machtlos bin. Theoretisch weiß man das ja, aber das Gefühl dieses Bewusstsein auch anwenden zu können ist gut.

Kommentare:

  1. Insbesondere der Abschnitt über die eigene Nichtverantwortlichkeit für die alten Kriegsverletzungen anderer gehört eigentlich eingerahmt und an die Klotür gehängt. Von innen, versteht sich. Dann kann man sich das bei jeder Sitzung frisch in Erinnerung rufen. :-)

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    1. Die Herausforderung ist ja es nicht nur zu wissen, sondern die Abgrenzung auch aktiv umzusetzen

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    2. Ebent. Deswegen ja das Klo-Mantra. ;-)

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  2. Die Erkenntnis für das Gefühlsleben anderer Personen nicht verantwortlich zu sein, ist eine der besten Erkenntnisse im Leben.

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    1. Ja. Einer der wenigen Gründe warum ich keine 20 mehr sein möchte.

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  3. Schön wenn Du es umsetzen kannst. Ich übe noch und erwische mich immer mal wieder bei "du bist so gleichgültig geworden, du musst dich doch drum kümmern weil..." nein muss ich nicht, muss man nicht und es lebt sich damit sehr, sehr viel entspannter.

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    1. Immer schaffe ich es nicht, aber immer öfter

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  4. Ooohhh, ich bin ja so dankbar, Deinen Blog gefunden zu haben. Es tut gut, hier zu lesen. Eine sehr längjährige Freundin hat auch kürzlich den Kontakt zu mir abgebrochen. Ohne, dass wir geredet hätten. Ich kann leider nicht so entspannt damit umgehen. Im Gegenteil, mich beschäftigt das sehr und tut auch weh. Dennoch ist es eine Wohltat, zu lesen, dass es auch anders (er)gehen kann. Danke dafür!

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    1. Entspannt ist das falsche Wort. So was tut weh, aber ich habe nicht das Gefühl gehabt ich wäre machtlos gewesen. Ich habe Entscheidungen getroffen, bewusst.

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