Mittwoch, 1. Februar 2017

train hard fight easy






In Berlin hat ein SEK-Beamter einen 25-jährigen erschossen. Als ich es heute Morgen las, musste ich den Kaffee kurz absetzten.

Ihr könnt mich jetzt schimpfen, aber ich musste es aufgrund des Beamten, nicht des Opfers.

Ja, ich weiß, viele sagen dann immer, damit musste er rechnen, dafür ist er ausgebildet worden und er hat diesen Job ja angenommen. So what?

Trotzdem weiß ich, dass man sich auf manche Dinge nicht wirklich vorbereiten kann. Auch wenn man theoretisch weiß was auf einen zukommt, gut ausgebildet wird, ist die Realität vorher einfach nur schlecht abschätzbar. Manchmal ist es einfach so, dass man der festen Überzeugung ist, dass man Dinge packt, theoretisch, und die Praxis sieht dann anders aus.

Früher war ich wesentlich aktiver im Katastrophenschutz. Mit einer befreundeten Einheit aus dem Umland bin ich zu  Ausbildungszwecken in ein Leichenschauhaus gefahren. Die Leiche im Realeinsatz war trotzdem anders. In meinem Hirn war der Besuch einfach wie ein Lehrvideo verarbeitet worden und die Realität hatte keinen Abgleich.

Eine Zeitlang war ich in der Auslandseinheit im Katastrophenschutz. Also die Irren, die bei Katastrophen alles stehen und liegen lassen, sich ins Flugzeug setzen und „runter“ fliegen. Wir hatten ein paar echt gute Trainingseinheiten. Einer unserer Ausbilder war früher beim britischen Militär und hat unzählbare Auslandseinsätze in Kriegsgebieten hinter sich. Wir nennen ihn hier mal Toni. Das Toni ordentlich einen an der Waffel hat, ist hier nur ein Nebenstrang. Aber er liebt z.B. seine Frau, weil sie bis heute akzeptiert, dass er selbst in Cluburlauben sein Zimmer nach Sprengsätzen durchsucht. Er kann sonst nicht schlafen. Außerdem hat Toni ab und zu vergessen, dass wir nicht in den Krieg, sondern in Großschadenlagen fliegen. Also, die Information, wie wir mit beiden Händen frei einen Verletzten aus der Schusslinie ziehen, war für uns eher nicht so dringlich. Bei uns gilt immer noch: Eigenschutz vor Fremdschutz und wenn`s zu gefährlich ist, fliegen wir nicht. Schon gar nicht in den Krieg.

Anyway, Toni sagte immer „train hard-fight easy“ und verstand es in Übungen echt Druck und Stress zu machen. In einer Übung, mitten in einer Bergung, ich weiß gar nicht wie es so weit kam, stand ich plötzlich alleine da und hatte auch gleich den kleinen dicken Engländer am Hals, der mich in einem Tempo packte, weg schleppte und angiftete „Du könntest jetzt tot sein.“ Und mein blödes Schlappmaul antwortete prompt „na, jetzt übertreibst Du aber ein bisschen.“ Hat er auch, nicht nur ein bisschen. Aber sein Ziel war nicht verkehrt. Im Training muss es 150%-ig klappen, damit man im Realeinsatz 100% abrufen kann. Außerdem muss man wirklich wissen, wie man sich zu verhalten hat, wenn man wegen Benzin, Wasser und Nahrung überfallen werden kann.

Das Gute aus der Zeit ist, dass ich erfahren durfte, wie man in so einem Team funktioniert. Ich bin nämlich keineswegs die  super harte „Kampftussy“. Im Gegenteil. Trotzdem nehmen einen die erfahrenen Teammitglieder einfach mit und man funktioniert.

Ich war ca. ein halbes Jahr dabei, da kam die Voralarmierung Haiti. Unser Einsatzleiter klärte uns auf. Wir sind Ehrenamtler und müssen nicht fliegen, wenn wir nicht wollen. In der Abrufbereitsschaftsanfrage stand „kriegsähnliche Zustände – Einsatzmöglichkeit fraglich.“ Die Bilder im Internet unterstrichen das. Und ich bin ehrlich, ich habe gekniffen. Ich würde gerne meinen Damaligen vorschieben, der fast ausgerastet ist bei dem Gedanken, dass ich fliege, aber ich glaube, ganz tief in meinem Inneren, war ich ganz froh, dass ich ihn vorschieben konnte. Danach habe ich auch die Auslandseinheit verlassen.

Eine Bekannte ist geflogen. Es war ihr 4. Auslandseinsatz und diesen hat sie nicht gut verarbeitet. Sie wacht bis heute ab und zu auf und glaubt den Verwesungsgeruch in der Nase zu haben. Sonst wirkt sie wie immer.

Sie wusste was auf sie zukommt, war gut ausgebildet und erfahren. Aber dieser Einsatz war einfach anders. Viele Faktoren können eine Rolle spielen. Ihre eigene Verfassung, der Einsatz selbst oder das soziale Umfeld bei der Heimkehr…oder alles zusammen.

Ich hoffe, dass der Berliner Beamte das gut packt.




Kommentare:

  1. Als mein Jüngster entschied: Ich geh zum Bund, vielleicht auch als Zeitsoldat, da fragte ich ihn, ob er sich das gut überlegt hätte - auch im Hinblick auf die Auslandseinsätze. Und ich bin ehrlich: Ich fragte ihn auch, ob er zu wenig am Leben hinge. Er meinte: Ins Gras beißen müssen wir doch alle mal, da ist es doch egal wo.
    Das Wo vielleicht, aber doch nicht das Wie?
    Und wie ist das mit eben diesen Bildern, die man nie wieder aus dem Kopf bekommt?
    Seit einem Jahr ist er beim Bund, aber nicht als Zeitsoldat. Er arbeitet noch daran, zur Polizei zu kommen, zwei von drei Etappenzielen stehen ihm dazu noch bevor.
    Aber er hat seine Meinung inzwischen längst geändert.
    Und dafür haben allein das Lehrmaterial in Video und Bild ausgereicht; da frage ich mich, was wohl Realerfahrungen mit ihm machen würden..

    Ich denke da wie Du: Etwas gelernt zu haben, auf etwas trainiert worden zu sein, das ist etwas völlig anderes als die Realität.

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    1. Ja, man kann es einfach vorher nicht immer abschätzen...manchmal passiert das auch einfach zu einer falschen Zeit

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  2. Ich mag diese Schlagzeilen deshalb nicht.
    "Berliner Polizeibeamter......"usw
    Es darf und sollte jeder ein Meinung zu solchen "Vorfällen" haben ,doch urteilen Menschen leider in Sekundenschnelle. In die eine ,oder andere Richtung. Pro /Contra Polizeibeamter. Abwarten was die Ermittlungen ergeben. Sauber recherchieren,dann berichten.

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    1. Hier geht es ja nicht darum warum das passiert ist.

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    2. Es geht darum DAS es passiert ist und wie man (er) damit umgeht.....Berichterstattungen sind oft nicht frei von Suggestiv Worten. Und Menschen sagen diese unbewusst oder bewusst auf.

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    3. Der Drops für ihn bleibt der Gleiche

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    4. Glaube ich nicht. Stellt mich die Presse als Opfer oder als Täter (übertrieben gesagt) dar, ändert dies die Außenwirkung. Das eigene Ding hat man ohnehin. Was von außen hinzu kommt ist/wäre ggf änderbar.

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  3. Ich glaube nicht, dass man darauf vorbereitet sein kann. Grau ist alle Theorie.

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  4. Die Toten aus dem Zivildienst erschienen mir auch eine Weile in den Träumen. Jemanden sterben zu sehen oder eine Leiche zu finden kann man nicht üben.

    http://kiezschreiber.blogspot.de/2014/04/wenn-der-tod-kommt.html

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    1. Ja, und deswegen geht es hier nicht darum zu analysieren ob der Schuß berechtigt war oder nicht. Es ging mehr um die Belastung die der Polizist (wahrscheinlich) trotz aller Vorbereitung nicht abschätzen konnte

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Es darf und kann kommentiert werden. Grundsätzlich nutze ich mein Hausrecht und gebe einzeln frei.