Freitag, 10. Februar 2017

Stille Sehnsucht: Safe House


Manchmal erwische ich mich dabei, wie mich so eine ganz stille Sehnsucht ergreift. Ganz leise, aber dann schwingt sie tagelang mit. Dann denke ich an Gerd, meinen Ex. Auch wenn Gerd mich durch seinen Betrug unglaublich verletzt hat, war ja nicht alles schlecht. Die Beziehung die wir bis dahin geführt hatten, war für mich bis jetzt die Beste. Die Sehnsucht betrifft aber nicht die Person, sondern die Institution.
Als ich Gerd kennen gelernt habe, wollte ich, ich geb`s zu, nur mal durch die Kissen mit ihm. Ich hielt und halte mich in großen Teilen für nicht beziehungsfähig. Gerd und ich hatten eine unglaubliche Kissenschlacht. Ich ging und irgendwie hatten wir danach ständig Kontakt.
Die guten Dinge an die ich mich, wenn die Sehnsucht kommt, erinnere:
Ich musste mit Gerd nie die Kontrolle behalten. Es war nicht nötig all diese Vernunftsdinge zu machen, die man sonst am Anfang macht. Also sich nicht zu oft melden, damit man nicht bedürftig wirkt, sich nicht komplett in die Karten gucken zu lassen, damit man den anderen nicht überfordert und überhaupt dieses ganze kontrollierte Abwartengedöns. Gerd machte den ersten Schritt. Er kam, auch emotional, immer auf mich zu und half mir dabei unglaublich auch all meine Ängste über Bord zu werfen. Ab einem gewissen Alter wird man einfach vorsichtiger und bleibt wachsam. Er war unglaublich ehrlich, auch wenn es um sein eigenes Kopfkarussell ging. Ich weiß noch wie er mir relativ schnell am Telefon beichtete, dass er ständig auf`s Handy guckt, ob ich mich gemeldet habe und auch ganz schön Muffensausen hat. Er hat mir damit ein unglaubliches Gefühl der Sicherheit gegeben. Er hat immer gesagt, wenn ihn was in der Beziehung beschäftigt oder er unsicher ist (dachte ich). Und ich habe ihm in diesem Punkt grenzenlos vertraut.
Gerd hat mein Hobby nicht nur ertragen, er hat es mitgetragen. Nicht zeitlich, sondern emotional und mental. Ich habe mich immer unterstützt gefühlt, auch wenn er natürlich nur sehr selten auf Wettkämpfen dabei war.
Er hatte einen Schlüssel und oft war er einfach da, wenn ich nach Hause kam. Eine Anmeldung war nicht nötig. Ich habe mich immer gefreut, wenn ich ihn sah. Weil er so herrlich entspannt war. Ich komme nach einen beschissenen Tag nach Hause, er sieht mein Gesicht und fragt nur „Müller?“, ich „mh“ und alles war gesagt. Er wusste einfach mit einem Wort, was los war. Ich konnte mich einfach neben ihn auf`s Sofa schmeißen und wir haben kein Wort gesprochen. Egal wie schlecht der Tag war, ich habe mich nie so gefühlt als ob ich lieber alleine wäre. Dabei habe ich ausgesprochen oft sehr ausgeprägte sozialphobische Phasen.
Wir waren meist bei mir. Wegen der Hunde und weil seine Wohnung halt seine Männerhöhle war und bleiben sollte. Manchmal haben wir uns auch tagelang nicht gesehen und wenig voneinander gehört. Da war er halt in seiner Höhle und es hat mich nicht gestört. Gerd war mein emotionales Safe House. Manchmal reicht es, wenn man einfach weiß, dass es das gibt.
Kennt ihr das Gefühl, wenn in eure Wohnung eingebrochen wurde? Der Ort an dem ihr euch geborgen fühlt, die Tür zu macht und die Welt draußen bleibt? Ihr realisiert, dass euer Allerheiliges nicht sicher war und/oder ist?
Ein Safe House ist ein Ort an dem alles draußen bleibt. Man endlich los lassen kann. Die Art des Endes unserer Beziehung war für mich, als ob mein ganz persönliches Safe House zerbombt wurde. Plötzlich, so schien es, war man nirgends mehr sicher. Es gibt Leute, die behaupten, dass Gerd ja nie wirklich mein Safe House war, sonst hätte er mich nicht so betrogen. Ich sehe das anders, es war ja das Gefühl um das es mir ging.
Ich hatte nach Gerd andere, gute Beziehungen, aber irgendwie kam dieses Safe House Gefühl nie wieder so intensiv zurück.


Manchmal habe ich das Gefühl, ich hätte mich mit einem Leben ohne diesen emotionalen Ort abgefunden.
 
 

Kommentare:

  1. Der beste Text seit langer Zeit! Kenne eine Menge Leute, die sich mit einem Leben ohne emotionales Safe House abgefunden haben. Ich gehöre nicht dazu und Du solltest es auch nicht tun. Oder um es mit einem meiner Lieblingssongs auszudrücken:"If I hadn't seen such riches, I could live with being poor.". Hier isser: https://www.youtube.com/watch?v=r6djSxLrfWc Die Gänsehaut ist auch wieder da.

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  2. Ich glaube zu wirklich 100% habe ich nie vertraut.Nicht mal bei meiner 20 jährigen Beziehung. Wofür keiner was kann außer ich selbst. Ich blieb zu oft auch da, wo 80% schon viel waren. Einfach weil ich die 100% nicht kenne. Ich schätze mich so ein,dass ich mein "soweit nicht zulassen" Schild nie ablegen werde.... Aber man weiß ja nie.Auch ich kann ggf mal 90% 😊

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