Sonntag, 5. Februar 2017

Soulmate: Cholera



Cholera hat sich im Training eine Kralle abgerissen. Ich habe es erst gemerkt, als der Schnee blutig war. Keinen Mucks hat sie gemacht, sie hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Außerhalb der Arbeit ist sie nicht tapfer. Da kann man schon mal frei drehen, wenn ein Blatt an ihren Pfoten klebt. 

Ich bin auch kein Held, aber wenn ich muss, dann kann ich ganz viel. Z.B. in einem 20 Mann-Mannschaftszelt schlafen. Aber ich finde es gruselig. Manchmal heißt es halt Augen zu und durch. Die Mission zählt. 

Böse Zungen sagen, Cholera hätte ein dünnes Nervenkostüm. Und wenn sie in die Nerven geht, kompensiert sie schon mal nach vorne und eine Isomatte oder Ähnliches ist danach verschrottungsreif. Ihre Nerven werden aber nur dünn, wenn sie die Aufgabe nicht begreift, nicht weiß, was gerade von ihr verlangt wird. Sie ist hoch sensibel und bezieht es schnell auf sich, wenn ich im Stress bin. Dabei ist sie aber in Wirklichkeit sehr belastbar. Oft staune ich, was man diesem Erbsenhirn alles zumuten kann. Sie wird sich nie verweigern. Egal wann und wo ich ihr eine Aufgabe stelle, sie versucht es immer nach bestem Wissen und Gewissen zu lösen.

Ich hasse es, wenn Menschen nicht klar kommunizieren. Ich kann mit vielem umgehen bzw. tolerieren, wenn mein Gegenüber Ross und Reiter benennt. Ich werde genervt, wenn jemand in seinen Aussagen verschiedene Interpretationsmöglichkeiten offen lässt oder suggestiv kommuniziert. Da werde ich schon mal katzig, obwohl das ansonsten nicht meine Art ist. Und ich kann Dinge schlecht aussitzen. Ich bin ein großer Freund von zeitnaher Klärung. Choleras schwierigste Aufgabe im Training ist „Sitz“. Der Popo schwebt immer ein bisschen in der Luft und sie ist angespannt. Wenn es nach ihr ginge, würden wir „sitz“ auslassen und im Schnelldurchlauf alle Übungen machen. Entspannt abwarten sieht anders aus ;-)

Als ich Cholera gekauft habe, haben mir alle geraten sie wieder abzugeben. Theoretisch habe ich sie nach Eignung ausgesucht. Sie hat sich schon beim Ankauftest wirklich schlecht präsentiert und zum Beispiel einen halben Herzinfarkt bekommen als sie Pest gesehen hat. Und mit der Großstadt war sie auch überfordert. Sie ist ein Dorfkind. Mein herz hat entschieden, nicht der Verstand. Heute stehe ich mit ihr im Getümmel und Madam tut als wäre sie hier groß geworden. In meinem ersten Jahr in Berlin, habe ich mich nicht getraut Auto zu fahren, jetzt fluche ich über Menschen mit mehr als 2 Buchstaben im Nummernschild und weiß gar nicht, wie man irgendwo anders gut leben kann. 

Cholera braucht im Prinzip keine anderen Hunde in ihrem Leben. Sie will bei mir sein, ausgelastet sein und in Ruhe Gassi gehen. Am besten ohne andere Menschen oder Hunde. Kopf ausschalten und tote Käfer begutachten. Wenn sie einen anderen Hund mag, hat der i.d.R. dicke Klöten, einen Schädel wie ein Fußball und er ist sensibel wie ein Baseballschläger. 

Ich liebe es im Nieselregen in den Wald zu gehen. Der durchschnittliche Städter bleibt dann zu Hause und ich kann in Ruhe durch die Gegend latschen und meinen Gedanken folgen. Ich habe kein Problem mit dem Single sein. Ich mag meinen Job und liebe mein Hobby. Mir wird nicht langweilig. Ich mag Tage an denen ich was gebacken bekommen habe. Hin und wieder läuft mir ein Kerl über den Weg, den ich gerne haben könnte. Was das für Typen sind? S.o. ;-)

Cholera und ich haben uns nicht von Anfang an verstanden. Im ersten Jahr bin ich fast verzweifelt und bin heute ab und zu noch grün und blau am Oberschenkel, weil sie mir sagt, dass sie nicht weiß, was ich von ihr will. Viele denken, dass sie für einen Malinois sehr entspannt ist, aber sie hat zwei Gesichter. Je nach Situation. Sie ist 6 Jahre alt und im besten Alter. Jetzt kann sie auf Wettkämpfen von ihrer Erfahrung profitieren. Hundejahre rechnet man mal 7. Mit über 40 sehe ich auch viele Dinge etwas differenzierter und ziehe nicht mehr in jede zwischenmenschliche Schlacht wie mit 30.

Ich hoffe, Cholera und ich haben noch viele Jahre gemeinsam. Auch wenn wir nicht gemeinsam alt werden. Dafür ist ein Hundeleben leider zu kurz.



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