Freitag, 17. Februar 2017

Grenzpolitik und Grabenkämpfe






Das Einzige was irgendwann bleibt, ist der Blick nach innen.

Als ich heute Morgen den Text von „Rain“ las, war ich wirklich bewegt. Warum, weil Rain unglaublich bewegend erzählt, wie er das einzig Richtige getan hat. Er ist gegangen, um einen anderen Menschen nicht weiter zu verletzten. Ich habe tiefsten Respekt vor so viel verantwortlichem Handeln, denn rückblickend ist es das, was mein abgelegtes Modell nicht getan hat und dann, egal ob fahrlässig oder vorsätzlich, weiter die Grenzen meiner Verletzlichkeit überschritt.

In einem anderen Blog, ich weiß leider nicht mehr wo, las ich „das hohe Lied von Anstand und Ehrlichkeit singen, aber den Text nicht können.“ Anstand und Ehrlichkeit heißt auch, mal seine eigenen Bedürfnisse zurück zu stellen und jemanden, der sich egal warum selbst nicht wehren kann, beschützt indem man geht bzw. ihn gehen lässt.

Denn bei all den Gedanken, den seitenlangen Erklärungen und Analysen die ich die letzten Wochen angestellt habe, lässt sich alles, wirklich alles auf einen Punkt reduzieren: ich war verletzlich, habe das auch kommuniziert und er hat diese Verletzlichkeit nicht respektiert. Er hat mich in einer schwachen Phase nicht beschützt, im Zweifelsfall vor sich selbst.

Schuld? Ich bin nicht schuld. 2016 konnte ich meine emotionalen Grenzen nicht genug schützen. Meine mentalen Grenzsoldaten waren alle an anderen Fronten beschäftigt. Im Job musste ich mehr als deutlich Grenzen verteidigen, meine Küche stand tagelang unter Wasser und gegenüber der Hausverwaltung musste ich ein paar Geschütze auffahren und und und…

Also stand an meinem kleinen rot-weißem Schlagbaum vor meinem Herzen nur ein kleiner 6,50 brutto-Leiharbeiter-Wachmann. Er hat sich echt bemüht, war aber einfach mit der Situation völlig überfordert. Verstärkung hätte er gut gebrauchen können, aber die war einfach nicht verfügbar.

Als der Typ das erste Mal vor meinem rot-weißem Schlagbaum stand, hat mein kleiner 6,50 brutto Wachmann brav die Hand gehoben und erklärt, dass es Einreisebestimmungen gibt, ein Visa ausgefüllt und den Typen passieren lassen, der 2 Wochen später freiwillig wieder ausgereist ist. D.h. wir waren ganze 2 Wochen offiziell zusammen bevor er die Beziehung via WhatsApp beendete. Als er das nächste Mal kam, kannte er die Einreisebestimmungen, die da hießen ganz oder gar nicht. Nach einer Kissenschlacht zog er sich an und sagte danach, sozusagen im raus gehen, „ach übrigens, Du weißt, eine Beziehung kommt für mich nicht in Frage.“ Damit war sein Gewissen beruhigt, denn er hatte ja angegeben, was er so über die Grenze transportieren möchte und walzte meinen kleinen, überforderten Wachmann einfach nebst Schlagbaum über den Haufen. Der war auch deutlich lädiert und stammelte die Einreisebestimmungen nur noch zusammen. Aber er ist ein braver, pflichtbewusster Kerl, er schmeißt den Typen außer Landes, flickt den Schlagbaum irgendwie, klebt sich ein Pflaster auf die Platzwunde und bezieht wieder Stellung. Na ja, was soll ich sagen, der Typ kommt wieder (in mein Bett), beruhigt sein Gewissen indem er im Vorbeirauschen immer angibt was er einführt und findet, dass der kleine Wachmann ja selbst schuld ist, wenn er ihn passieren lässt. Er war ja ehrlich.

Und wie das halt mit Dingen ist, die man immer wieder repariert, sie werden nicht stabiler. Der emotionale Schlagbaum ist inzwischen nur noch mit silbernen Klebeband irgendwie zusammen geflickt und mein kleiner pflichtbewusster 6,50 brutto- Leiharbeiter-Wachmann am Ende seiner Kräfte als diese „Smilla“ Geschichte passiert. Der Grenzgänger grinst und ist sich keiner Schuld bewusst. Er tischt mir eine Geschichte auf, warum diese Frau keine Schmuggelware ist.

Zum Glück aber sind inzwischen die Kämpfe an den anderen Fronten zu Ende und mein kleiner Wachposten hat wenigstens etwas Verstärkung bekommen. Nicht viel, denn die Reihen sind deutlich gelichtet, aber er steht nicht mehr alleine da. Er macht den Rücken gerade und erklärt noch mal die Spielregeln für den Aufenthalt in meinem Herzland. Herzland ist nicht wie die EU, in der man ohne Grenzkontrollen einfach hin und her fahren kann, es ist aber auch nicht Trumpland mit unüberwindbaren Mauern. Herzland ist eher wie die Schweiz. Man darf rein, aber man darf weder alles mitbringen noch alles raus schaffen. Es gibt ein paar Spielregeln. Die möchte der Typ nicht einhalten und wird daher vor die Tür gesetzt.

Als er vor 3 Wochen wieder vor dem Schlagbaum stand, war dieser nicht repariert, sondern neu. Und neben meinem kleinen Grenzwächter standen zwei gut ausgebildete, stattliche Grenzsoldaten. Die haben sachlich die Einreisebestimmungen erklärt. Darauf hatte der Typ keinen Bock, er merkt, eine neuerliche Grenzüberschreitung könnte Ärger geben. Er wendet und verschwindet. Natürlich nicht ohne vehement jedes Fehlverhalten abzustreiten.

Und dann? Dann soll ich mir anhören, dass es meine Schuld ist, wenn ich meine Grenzen nicht genug bewache? Nein, ist es nicht. Ich hätte sie besser bewachen und beschützen müssen, aber es war einfach nicht möglich und das gibt niemanden das Recht meinen überforderten Wachmann einfach über den Haufen zu fahren. Der Schlagbaum war deutlich zu sehen und der Wachmann kannte seinen Text. Ich habe ihm meine Verletzlichkeit gezeigt und er hat sie nicht respektiert. Er hat immer wieder unter dem Deckmantel, dass er ja immer gesagt hat, er wolle keine Beziehung, den Schlagbaum einfach durchbrochen. Er hat meine Schwäche ausgenutzt. Er, der immer das Bedürfnis hatte als ehrlicher, fürsorglicher Mann wahrgenommen zu werden, hat das unmännlichste getan, was es für mich gibt. Er hat mich nicht beschützt, im Zweifelsfall vor sich selbst.

Denn letztendlich macht das alles andere unwichtig. Es ist nicht mehr relevant, ob er bei all seinen Geschichten die Wahrheit gesagt hat oder nicht. Auch nicht, an welchen Grenzen er noch randaliert hat. Er hat die wichtigste Grenze, meine Verletzlichkeit und meine Gefühle, welche ich klar kommunizierte, nicht respektiert. In der letzten Mail hat er meine Gefühle sogar indirekt als „nicht richtig“ dargestellt. Und damit ist dann auch alles gesagt.

Es ist nun in meiner Verantwortung zukünftig meine Grenzsoldaten besser einzuteilen. Nicht mehr, nicht weniger.   



 

Kommentare:

  1. Klasse geschrieben. Wird zu den Texten gehören, die mir lange in Erinnerung bleiben. ;)

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    1. Dankeschön. Das schwierige ist ja, dass diese Grenzkämpfe einen so auslaugen, dass die Kraft sie zu schützen immer weniger wird....

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    2. Stimmt. Irgendwann liegst du am Boden und dann bist du "so zart besaitet". So kann man(n) es natürlich auch nennen. *Ironie off*

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  2. Ich glaube, ich habe wirklich noch nie einen so guten Text über die eigene Grenze gelesen. Mit Komplimenten habe ich das nicht so - aber hier muss ich das echt einfach mal sagen.

    Abgesehen davon: In der Realität kenne ich nicht einen einzigen Menschen, der in dieser Hinsicht je echte Verantwortung gezeigt hätte.
    Nur was Rain betrifft - da bin ich mir Deiner Einschätzung nicht ganz sicher. Ich denke ja eher, er ist nicht gegangen, BEVOR, sondern NACHDEM er sie verletzt hatte - und dies aus ganz ureigensten enttäuschten Gefühlen heraus. Das meine ich nicht negativ - im Gegenteil, es macht ihn eher sehr menschlich. Dass er sich anschließend zurückzog, würde ich persönlich ja eher einer Scham zuordnen, dass man sich einem Menschen gegenüber, der das nicht verdient hat, so verhielt - und auch der Tatsache, dass er bei oder mit jener Frau einfach nicht das fand, wonach er vom tiefsten Boden seines Brunnens aus sucht(e).
    Ach ich weiß auch nicht, nach dem Lesen Eurer beiden Texte geht mir derart viel durch Kopf & Bauch, dass ich mich kaum auf die Arbeit konzentrieren kann ;)

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    1. Man kann Verletzungen nicht verhindern. Das ist unrealistisch. Die Frage ist, wie man danach damit umgeht und ob man die Gefühle respektiert. Oder es wenigstens versucht

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  3. Das hohe Lied von Anstand und Ehrlichkeit, das war ein Tweet den ich bei mir zitierte.

    Und ich DANKE dir von Herzen für diesen Text. Ich habe das Gefühl, du hast ihn direkt aus meinem Herzen heraus geschrieben.

    Aber bei mir steht noch der Leiharbeiter. Der muss noch eine Weile tun aber wenigstens ab und an schicke ich ihm Verstärkung vorbei.

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  4. Auch von meiner Seite her einfach ein Kompliment für Deinen berührenden und anschaulichen Text. Viel Spaß bei der weiteren Ausbildung Deiner Grenzposten. Denn die Gewissheit, sich auf sie verlassen zu können macht es leichter, die Grenzen auch ein Stück weit verschieben zu können. Und Toi Toi Toi für morgen :-)

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