Donnerstag, 23. Februar 2017

Endlichkeit


Der Vater meiner Schwägerin ist gestorben. Bestimmt gibt es für diesen Verwandtschaftsgrad eine Bezeichnung. Ich weiß nicht welche.

Ich hatte keine so enge Beziehung zu Herrn K., aber er ist der erste aus der Riege meiner elterlichen Kontakte, der altersbedingt gestorben ist. Das hat irgendwie einen Beigeschmack.

Außerdem haben K.`s dann doch irgendwie meine Jugend geprägt. Sie waren zugezogen, im Dorf. Wie meine Eltern. Aber während meine Eltern, besonders meine Mutter, erschreckend schnell die schwäbische Dorfmentalität übernommen haben, blieben K.`s immer wie Ufos. Wahrscheinlich weil sie Schweizer sind. Die sind es gewohnt anders zu sein und es zu bleiben. Damit waren sie für mich wie eine Festung im Glauben, dass es auch anders geht. Frau K. war es immer ziemlich wurscht wie der Vorgarten aussieht, Herr K. hat samstags nicht das Auto gewaschen. Sie aßen kein Fleisch. Vor 40 Jahren in Schwaben echtes Teufelswerk.

Herr K. war Allgemeinmediziner und hat viel mit alternativer Medizin gemacht. Auch etwas, was vor 40 Jahren die meisten noch gruselte. Aus ganz Deutschland kamen Krebspatienten zu ihm, obwohl er keine spezielle Ausbildung hatte. Patienten, die alle anderen schon aufgegeben hatten. Die Nachbarn regten sich über die ganzen fremden Autos auf, die „falsch“ parkten. Wirklich helfen konnte er seinen Patienten auch nicht, trotz Misteln etc. Aber sie kamen und es ging ihnen immer ein bisschen besser, wenn sie bei ihm waren. Auf die Frage wie er das machte, lachte er und sagte: „das ist ganz leicht, ich nehme mir einfach Zeit ihnen zu zuhören. Zeit, die ihnen keiner mehr gibt.“

Ein großartiger Mensch. Seine Töchter durften studieren was sie wollten und nicht was er wollte. Warum es im Fall meiner Schwägerin Kunstgeschichte sein musste, bleibt allerdings ein Rätsel.

Die letzten 10 Jahre lebten sie wieder in der Schweiz und es ging ihm wohl nicht gut. Ich gehe davon aus, dass Frau K. sich rührend um ihn gekümmert hat. Jedenfalls hoffe ich das. Was anderes hat er nicht verdient.

 

Kommentare:

  1. Mir haben erst meine Kinder, meine eigene Endlichkeit vor Augen geführt.

    Ich glaube, diesen Satz muss ich in meinem Blog noch einmal nacharbeiten.

    AntwortenLöschen
  2. Der Tod relativiert alles......
    Klingt vielleicht komisch,doch ich habe keinen Moment in meinem Leben intensiver und näher erlebt als Geburt und Tod.Zwei so konträr zueinander stehende Momente und beide doch so aktiv und nah.....

    AntwortenLöschen
  3. Habe gestern vom Tod eines mir ehemals nahestehenden Menschen erfahren. Da schoss mir auch sofort das Wort "Endlichkeit" durch den Kopf.

    AntwortenLöschen
  4. Der erste Tod in der Elterngeneration ist auch mir nahegegangen, da wird einem auch bewusst, dass demnächst wir die "Alten" sein werden

    AntwortenLöschen

Es darf und kann kommentiert werden. Grundsätzlich nutze ich mein Hausrecht und gebe einzeln frei.