Donnerstag, 19. Januar 2017

Emotionale Gewalt – das Opfer


Wie ihr merkt ist dieses Thema für mich wahnsinnig emotional und wichtig. Nicht nur wegen E., sondern weil es meiner Meinung nach so viele ungehörte Opfer dieser Gewalt gibt. Ich möchte daher ausführlicher auf das Opfer eingehen, denn die haben es unglaublich schwer. Sie werden nicht ernst genommen und martern sich häufig selbst mit Vorwürfen. Und emotionale Gewalt ist so weit verbreitet. Nicht nur in Partnerschaften, sondern auch in Familien und immer mehr im Arbeitsleben. Kaum jemand schafft es diese Dinge wirklich zu benennen. Als Opfer wird man zu schnell stigmatisiert. Opfer sein wird in unserer Leistungsgesellschaft mit Schwäche und fehlender Durchsetzungskraft geleichgesetzt. Zuzugeben, dass man ein Opfer ist, ist daher unvergleichlich schwer. Zudem psychische Gewalt nicht nachweisbar ist. Sie packt uns am eigenen Willen, am Ego und den Anspruch an uns selbst, greift unser tiefstes Inneres an. Deswegen ist sie so heimtückisch und so schwer zu benennen.

Wir sind alle hin und wieder mal Täter und mal Opfer. Niemand ist frei davon auch mal ein A*** zu sein oder unter einem zu leiden. Die Grenze zieht sich, wenn dieses Verhalten sich durchzieht, systematisch wird und darauf abzielt die Identität und das Selbstwertgefühl des Gegenübers nachhaltig zu schädigen.

Wer unter psychischer Gewalt leidet ist mitnichten eine schwache Persönlichkeit. Schwache Persönlichkeiten haben für die Täter keinen Reiz oder werden nicht als bedrohlich empfunden. Auf der Hitliste stehen Menschen, die einen hohen eigenen Anspruch an sich selbst haben. Lebensfreude und ein aktives Leben, beliebt sein, sind ebenso Trigger für die Täter. Diese möchten zerstören, was sie als bedrohlich empfinden oder selbst nicht haben.

Zudem wir (fast) alle ein paar dunkle Flecken auf unserer Seele haben. Also negative Erfahrungen, Ängste und Sorgen. Und jeder kennt Phasen in seinem Leben, da sind diese dunklen Flecken präsenter. Stress im Job, Trennung, Ärger mit der Familie etc. Es ist normal, nur die Täter packen uns genau an diesen dunklen Flecken, an den Selbstzweifeln die wir alle in dem einen oder anderen Bereich haben. Sie manipulieren uns solange, bis diese dunklen Flecken exorbitant groß und mächtig erscheinen und damit wie ein lähmender Klotz auf uns liegen.

Es ist ein schleichender Prozess und daher kaum greifbar. Und die Opfer wollen nicht schwach wirken, sie wollen durchhalten und nicht das Gefühl haben, bei ein paar Schwierigkeiten aufzugeben. Durch diesen Prozess schwindet aber immer mehr Kraft, Kraft die man bräuchte um sich zu lösen. Wie Vampire saugen die Täter die Energie der Opfer nach und nach aus. Sie pieken gezielt mit kleinen Stichen in das Selbstwertgefühl. Als Ergebnis kreisen die Gedanken der Opfer um die eigene (angebliche) Unzulänglichkeit. Probleme in der Kindheit zum Beispiel. Viel zu schnell versucht man über den Weg der Selbstreflektion das Problem zu erkennen. Das Ergebnis ist eine nie aufhörende Schleife um sich selbst. Eine lähmende Schleife, die man versucht über nach mehr Disziplin, noch mehr Leistung, noch mehr Genügsamkeit zu lösen.

Niemand würde auf die Idee kommen einem Vergewaltigungsopfer vorzuwerfen nachts alleine im Park gewesen zu sein. Es war zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein Opfer von emotionaler Gewalt war es aber auch. Vielleicht hat man einfach in einer angreifbaren Lebensphase aus einem dummen Zufall den falschen Typen gedatet.

Und wir „normalen“ Menschen können und wollen uns zudem diese Niedertracht nicht vorstellen. Wir bewerten und entschuldigen die Täter mit unserem moralischen Anspruch. Emotionale Gewalttäter sind aber so nicht greifbar. Mit Moral und Verantwortung kommt man bei Ihnen nicht weit. Sie können es vortäuschen, aber nicht tragen. Werden sie bei ihren Taten nachweislich erwischt, empfinden sie keine Scham. Maximal Reue, dass sie erwischt wurden. Sie können aber in Perfektion Scham vortäuschen. Zudem sie wie emotionale Chamäleons sind. Sie machen es der Umgebung schwer sie als Täter und nicht als Opfer zu identifizieren.

Es ist nicht zielführend (am Anfang) darüber nachzugrübeln, was man selbst zu beigetragen hat, sich wie oben genannt um sich selbst zu kreiseln. Der Täter muss erkannt und benannt werden. Und zwar ohne irgendwelche Entschuldigungen und Relativierungen. Denn davon nährt er seine Macht.  Auf Deutsch, es ist Sch***egal, ob und welche Schwäche das Opfer gezeigt hat. So wie es sch**egal ist, ob das Vergewaltigungsopfer einen kurzen Rock getragen hat.


 

1 Kommentar:

  1. Psychischer Missbrauch ist ebenso wie körperlicher Missbrauch strafbar. Nur eben schwieriger nachweisbar. Es gibt genügend Entführungsopfer denen körperlich nichts getan wurde. Der Täter jedoch lediglich wegen Freiheitsberaubung dran kam (wenn man ihn dann fasste)
    Hier wird aus Gesellschaftlicher Sicht die Bezeichnung "Opfer" nicht als verwerflich angesehen......Unsere Denkmuster sind nicht immer rundumblickend.Der menschliche Grundgedanke oft "Parteiisch"
    Leider...

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