Dienstag, 31. Januar 2017

Dorfkinder

Ein Grund warum der Österreicher und ich uns so gut verstehen, wir werden bestimmt mal gemeinsam um die Häuser ziehen, ist, dass wir beide Dorfkinder sind.
 
Dorfkinder sind anders. Im Guten wie im Schlechten. Zum Beispiel habe ich überhaupt keinen Schmerz meinem zukünftigen Steak noch im Pelz in die Augen zu schauen. Alle 6 Monate haben meine Mutter und ich uns ein Kalb beim Bauern ausgesucht. 1 Tag später haben wir tonnenweise Fleisch eingefroren. Ist mir sogar lieber als die Vorstellung, dass das Schwein aus dem Supermarkt schon vor dem Weg quer durch Europa tot war. Wenn meine Hunde eine Zecke haben, ziehe ich die mit den Fingern raus und verbrenne sie.
Ich weiß wie man Laternen austritt und dass es ein urbanes Märchen ist, dass man Kühe einfach so im Schlaf umkippen kann. Dafür benötigt man nämlich mindestens 6 Teenager mit mindestens 20m Anlauf, fragt mich aber nicht woher ich das weiß. Meine Eltern haben mich nicht ständig rumkutschiert. Ich bin mit dem Fahrrad quer durchs Dorf, oder zu Fuß, oder ins Nachbardorf. Auch betrunken. Ich kann eine Kreuzotter von einer Blindschleiche unterscheiden und dieses Wissen durch zwei kleine, kreisrunde Narben untermauern.
Ich wundere mich bis heute, warum verängstigte Städter ihre Kinder auf die Straße zerren, weil sie einen angeleinten Hund sehen, 10 Minuten später aber ganz verzückt Wildscheine im Stadtgebiet romantisch finden. Und überhaupt, wie kann man ohne Tetanus Impfung überleben?
Gegessen wird zu Hause, nicht in der Kantine. An der Supermarktkasse hört man gemütlich piep………..piep…..piep, während man sich nach jedem Einzelnen der Verwandtschaft erkundigt und kein pieppieppiep mit Geschrei nach einer zweiten Kasse, weil 2 Kunden anstehen.
Und die örtliche Zeitung: Eine Seite Internationales, 1 Seite Nationales und 10 Seiten lokal Nachrichten. In denen wird dann thematisiert, dass in der Hauptstraße ein Fahrrad umgeworfen wurde und man nach Zeugen sucht. Als Teenager haben wir mal den Weihnachtsbaum der Polizeiwache geklaut. War ganz leicht, die bestand aus 2 Beamten die eh nur von 09:00 -16:00 Uhr da waren (zwischen 12:00 – 13:00 Uhr Mittagspause). Danach war das der Skandal des Jahrzehnts. Bis heute darf nicht raus kommen, dass ich eines der verkommenen Subjekte war.
Schöne heile Welt?
Die Erziehung auf dem Dorf ist anders. Völlig normal, dass wir mal ordentlich hinter die Löffel bekommen haben oder den Hosenboden versohlt. Man hat auch keine Probleme auf dem Dorf. Basta. Mit den Eltern reden? Fehlanzeige, außer man möchte das Rasenmähen eine Stunde verschieben. Überhaupt darf thematisiert werden, ob der Nachbar seinen Rasen pflegt, aber niemals, wirklich niemals, dass seine Tochter schon wieder geheult hat. Da mischt man sich nicht ein.
Auf dem Dorf gibt es genauso viel Sch*** wie in der Stadt. Alkohol ist normal und ein prügelnder Vater ist einfach nur sehr streng. Interne Dinge werden nicht besprochen und niemals dürfen sie nach außen getragen werden. Niemals, was sollen die Leute denken? Samstags wäscht er das Auto und sie entfernt das Unkraut auf dem Gehweg vor dem Haus. Abends wird gesoffen, zu Hause oder im Verein.
Das Moralsgerüst, dass man beigebracht bekommt, heißt: schön brav den Schein wahren. Halte Dich an Regeln, lern was Gescheites und pflege Deinen Vorgarten. Mehr zählt nicht.
Heute denke ich, für Urlaub super schön, aber wieder zurück? Niemals.





Kommentare:

  1. "zukünftigen Steak noch im Pelz in die Augen zu schauen"

    Erinnert mich an meine Ex-Frau. Eine tolle Frau.

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  2. 170 Seelendorf. Einige der Mütter und Väter hatten da schon lange vor der Hochzeit den selben Nachnamen. Dennoch gut dort Kind gewesen zu sein.....

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  3. Du schreibst mir aus der Seele. Bin auch Dorfkind. Würde auch jederzeit wieder auf einem Dorf wohnen. Nur nicht in dem, in dem ich aufgewachsen bin.

    Dorfkinder heute wachsen immer mehr wie Stadtkinder auf. Zu viele Städter sind in die Dörfer gezogen. Viele Dörfler erkennen irgendwann in ihrem Leben, dass deine letzten zwei Abschnitte nicht unbedingt das Beste am Dorfleben waren und ändern es.

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  4. Was wäre das Aufwachsen im Dorf ohne unsere geschätzten Nachbarn, die immer wussten, wann wir am Wochenende nach Hause gekommen sind?

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    1. Meine wussten wie viel Kalorien ich am Tag zu mir nehme ;-)

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    2. Das ist natürlich noch verschärfter XD

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Es darf und kann kommentiert werden. Grundsätzlich nutze ich mein Hausrecht und gebe einzeln frei.