Freitag, 16. Dezember 2016

Lonesome Cowboy vs. Prinz Eisenherz

Wie versprochen.




Das Lonesome Cowboy Syndrom ist für mich das tiefe Bedürfnis den armen, einsamen Kerl zu retten. Vorab, das ist Bullshit, aber wir wissen ja alle, das Ratio und Emo nicht immer ganz konform laufen.




Der Kerl, der Cowboy, ist meist ein Kerl, der uns irgendeine tragische Geschichte aus seinem Leben auftischt, warum er so verletzt ist, das eine Beziehung für ihn nicht mehr in Frage kommt. Beliebt sind eine nicht überwundene Trennung, einengende Beziehungen oder wie neulich, der Unfalltod der großen Liebe. Da saß der Typ vor mir und erzählte mir also, dass er sich nicht mehr binden möchte. Viele Typen machen das übrigens durchaus männlich, also das Erzählen. Sie erzählen nämlich nicht ausführlich, sondern werfen einen nur Brocken hin aus denen wir dann die Tragödie ihres Lebens stricken. Also, der Typ sitzt vor mir und lässt durchscheinen, dass die Liebe seines Lebens tödlich verunglückt ist und er seitdem Angst vor Gefühlen hat. Auf meine Frage wie lange sie zusammen waren, macht er ein Gesicht als hätte ich ihm gerade eine Wäscheklammer an die Vorhaut getackert und wechselt das Thema. Nachtisch fiel aus. I.d.R finde ich Typen, die aus Dingen, die wir alle schon mal erlebt hatten (Trennung), ein riesen Ding machen unsexy.




Aber wir sind Frauen. Und uns ist eine gewisse Fürsorgemacke und das Bedürfnis diesen armen Kerlen eine neue Heimat und Ruhe zu geben irgendwie mitgegeben worden. 1/3 Genetik, 1/3 Prägung und 1/3 Erziehung.




Genetik: mit dem richtigem Hormonschuß als Fötus entwickeln Mädchen eine fürsorgliche und tolerante Art. Ist wirklich so und ist auch gut so. Denn würden wir dieses unglaubliche Verständnis nicht mitbringen, würden in den Sommerferien nicht Hunde an Autobahnraststätten, sondern Kerle und pubertierende Teenager sitzen.




Prägung: Studien belegen, dass Mütter männliche Säuglinge viel mehr auf den Arm nehmen wenn sie brüllen als weibliche. Irgendwie scheinen wir weinende Kerle von Anfang an befremdlich zu finden und möchten sie trösten während Mädchen ruhig mal rumheulen können.




Erziehung: Also, ich muss ja wohl über meine schwäbische Herkunft nebst klassischer Rollenverteilung zu Hause nicht sagen, oder? Vater zieht zum Jagen aus, Mutti macht das zu Hause gemütlich. Mann muss Mann sein dürfen während sie ihm den Rücken frei hält etc. In diesem Zusammenhang würde mich mal interessieren wie Ost-Tussis auf Cowboys reagieren. Die haben nämlich eine ganz anderes Rollenverständnis vorgelebt bekommen.


Also, der Cowboy, der muss einfach immer wieder raus in die Weite zu seinen Kühen, zu seiner Wüste und dort tun, was Männer halt so tun. Wir erwachsenen Singlefrauen sitzen auf unserer Farm und versuchen uns über Wasser zu halten. Ab und zu kommt er auf seiner Route auf einen Besuch vorbei. Das macht uns glücklich, denn er vermittelt uns, dass er sich bei uns ausruhen kann von seinem hartem, rauen Leben. Bleiben kann er aber nicht. Ihr wisst schon, das Trauma. Außerdem ist er ein Kerl und die Kühe müssen von A nach B getrieben werden oder die Büsche gezählt oder was auch immer. Wir haben Verständnis und wissen, tief im inneren, er braucht nur Zeit. Verletzte Seele, harte Schale, weicher Kern etc. pp.


Schaut euch mal Hollywood an. Ein kniff in die Wange und zack, weg ist er. Clint Eastwood tippt sich an den Hut und gibt mit den Worten "bis zum nächsten mal, Mam" dem Pferd die Sporen. Alles tragische, bindungsgestörte Helden. Alles Frauen, die hoffen, den armen Kerl retten zu können. Wenn sie nur geduldig, angepasst und tolerant sind. Die meisten Weiber haben bei solchen Szenen Pippi in den Augen, ich bekomme Brechreiz. Alte Filme? Nicht modern?


Das Super-top-Bambi vom Dienst, Mc Ryan, sitzt in Ihrer Buchhandlung (die schlecht läuft) und rettet den verkorksten Millionär. Irgendeine Ische macht aus Mel Gibson einen Geretteten und zum gutem Schluss heiratet der völlig gestörte C. Grey seine Tussy. Allen Typen ist gemeinsam, dass sie mit einer Flatrate beim Therapeuten besser bedient gewesen wären als mit einer Frau.


Es ist Hollywood. Happyends verkaufen sich nun mal besser als die Wahrheit. Und die heißt, er wird nie zur Ruhe kommen. Braucht er ja auch nicht, dazu unten mehr. Aber wer will einen Film sehen bei dem am Ende die Tante realisiert, dass Eastwood immer noch säuft und rumhurt?


In der Realität reitet er immer weiter. Er krault sich die Klöten und meint "Baby, ich komme immer wieder", sie hofft insgeheim, dass er irgendwann mal bleibt. Also wartet sie geduldig. Pflügt das Feld und beschützt die Farm. Wenn er auf dem Weg an ihrer Hütte (zwischen die Beine) vorbei kommt, füttert er ihr Bedürfnis, tätschelt ihre Wange und faselt was von zur Ruhe kommen und so. Apropos, neulich faselt irgendein Typ mir was vor, er hätte mich auserwählt. Mir ging spontan durch den Kopf: "Auserwählt? Ich habe Dir meine Adresse gegeben, Du Depp." Egal.


Das ganze Spiel geht soweit, dass Frau schon Kleinigkeiten, die eigentlich selbstverständlich sein sollten total romantisiert und überbewertet. Beim wegreiten sagt er "liebevoll": "Schließ die Tür ab. Indianer sind unterwegs", Wange tätscheln und ab. Den gleichen Tipp bekommt sie übrigens auch vom Nachbarn, aber beim Cowboy ist es der Überhype an Fürsorge.


Übrigens gibt es in diesen Filmen immer irgendeinen sesshaften Krämer oder Angestellten, der in die Ische total verliebt ist. I.d.R. stirbt der liebe und schwer verknallte Kerl am Schluss. Hollywood erträgt gebrochene Herzen weniger als Tote.


Meine Süßen, ich weiß, die Hoffnung stirbt zu Letzt, aber die bittere Wahrheit ist, eure Hütte zwischen den Beinen ist weder auserwählt noch was besonderes. Sie liegt einfach auf seiner Route von A nach B. Früher war das durchaus ein Argument. Sollte die Hütte geschlossen bleiben, war es ungemein aufwendig eine neue Route mit entsprechenden Rastmöglichkeiten zu finden. Heute gibt es Navigationssysteme (Onlinedating). Da gibt man einfach ein: "kürzeste Route = wohnt in der Nähe", "schnellste Route = ist am fügsamsten" oder "Stau umfahren = die andere Ische zickt gerade."


In dem Zusammenhang fällt mir gerade ein, dass neulich bei einem Gespräch ein Typ vor mir saß und Lollis in den Augen hatte als der Begriff "emotionales Bungee Springen" fiel. Ich wusste genau was er meinte, ging aber nicht darauf ein. Ich kam mir nämlich in diesem Augenblick furchtbar alt vor und wollte ihm eine warme Milch kochen und ihm liebevoll erklären, dass sich das verwächst. Ist aber ein anderes Thema. Zudem der Drops eh gelutscht ist, wenn ich Mutti-Gefühle entwickle.


Anyway, zurück zum Cowboy. Ein Kerl, der wirklich verknallt ist, reitet nicht ständig wieder weg. Unabhängig vom nötigen, männlichen Freiraum, benimmt der sich nicht wie ein lonesome Cowboy, sondern sattelt sein Pferd, nimmt das Schwert, tötet ein paar Monster um Prinzessin über den Sattel zu schmeißen und ins heimische Schloss zu bringen. Ganz echt jetzt.


Mal abgesehen davon, dass ein Cowboy, der wegen einem Sturz nie wieder auf`s Pferd steigen will, zu Fuß unterwegs ist, echt unsexy ist, könnt ihr einer alten, erfahrenen Frau ruhig glauben. Ihr seid nicht mehr als ein Dach über dem Kopf, ein bequemes Bett und eine warme Mahlzeit. Hütte ist Hütte, die Wirtin ist austauschbar. Tut weh, ich weiß, aber man kann sie nicht alle retten.


Und das Thema, dass Prinz Eisenherz kein strahlender tapferer Ritter, sondern nur ein Don Quijote mit Maultier und Suppenschüssel auf dem Kopf ist, ist auch ein anderes Kapitel.

1 Kommentar:

  1. Hey Nelly aus Sachsen! Vielleicht gibt's die Typen da draußen. Damit Clint bei der Hütte halt macht, braucht es eben eine Frau, die ihn toll findet und auch schöne Augen macht. Sei ehrlich, die Fürsorge ist doch auch ein Bedürfnis, was sie sich damit erfüllt. Farmer, die den ganzen Tag den staubigen Boden umgraben, hat sie doch dort wie Sand am Meer. Ich stehe übrigens auch mehr auf die starken Frauen (Film: Bandidas). Blogcrawler

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