Mittwoch, 14. Dezember 2016

eigentlich wollte ich ein Pony

Bekommen habe ich ein pädagogisch wertvolles Lerngeschenk. Nein, nicht jetzt. Schon vor Jahren. Vielleicht in der Kindheit, aber ich finde ab einem gewissen Punkt macht Ursachenanalyse keinen Sinn. Gehört auch nicht hierher.


Mein Lerngeschenk heißt: emotionales Gummiseil und ich finde es nicht so prickelnd. Deswegen habe ich es vor Jahren in einer Schublade verstaut und dort staubt es vor sich hin.


Kennt ihr das, wenn ihr völlig fertig auf dem Sofa hängt. Im Fernsehen läuft nichts, abhängen ist blöd, aber ihr seid zu kaputt, um euch zu was anderem aufzuraffen? Also lümmelt man auf seinem emotionalem Sofa und ist "unleidig". Irgendwann greift man zu irgendwas, was man auch nicht so prickelnd findet, aber man kennt es und es beschäftigt einem irgendwie. Für uns Kinder der 80er und 90er ist das vielleicht der Zauberwürfel, bei dem irgendwie immer das letzte Feld fehlt. Oder man spielt auf dem Handy Solitär oder Minesweeper. In den letzten Jahren hat man für diese Dinge noch nicht das allumfassende Lösungskonzept gefunden, sonst hätte man ja gar keinen Bock mehr drauf, aber es beschäftigt einen, man kennt das Grundprinzip und es ist halt irgendwie vertraut. Dass Männer in diesem Zustand gerne aus Langweile ein bisschen rum onanieren, ist lustig aber ein ganz anderes Thema.


Jetzt hänge ich also Anfang 2016 auf meinem Sofa und weiß irgendwie auch nicht so recht wohin mit mir. Das Programm auf dem Sender "sexuelles Fastfood" ist irgendwie auch nicht so fesselnd. Jedenfalls nicht im Hirn und ich denke so bei mir, wird Zeit die Klotze aus zu machen und den Popo zu bewegen. Fernseher aus, ich sage dem aktuellem Liebhaber, dass unsere Wege sich trennen. Ich bin müde und weit davon entfernt sofort aufzuspringen. Während ich so meine Motivation suche, findet der Liebhaber die Trennung doof. Und zack, da habe ich dieses alte, verstaubte "emotionale Gummiband" in der Hand und spiele damit rum. Vielleicht finde ich jetzt die Lösung. Das Grundprinzip des Spieles kenne ich ja.


Stellt euch vor ihr hängt an einem Gummiseil, welches an einer Wand verdübelt ist. Ihr könnt euch bewegen, es ist je nach Persönlichkeit lang oder kurz. Ab einem gewissen Punkt wird es aber straff und es kostet Kraft gegen anzukämpfen. Ist es zu straff, macht es wutsch und man wird an den Ausgangspunkt zurück katapultiert. Man rafft sich auf und kämpft wieder gegen an. Je öfter man das macht, desto müder werden die Muskeln. Der Kraftaufwand wird im Verhältnis immer größer. Außerdem kann man sich mit schwindenden Kräften nicht mehr gegen den Aufprall beim zurück schnellen schützen und man knallt volle Lotte gegen die Wand.  Viele Menschen kennen dieses Spiel. Hier mal das Grundprinzip am Beispiel.


Jeder hängt aufgrund seiner Erfahrungen, seinem Leben oder sonstigem an irgendeinem Gummiseil. Man kann das doof finden oder sich halt innerhalb des Bewegungsradius bewegen und wohl fühlen. Man muss sich nur für die Richtung entscheiden und wissen wie lange das dumme Ding ist.


Als ich im März beschloss mich zu bewegen und zwar aus seinem Sichtfeld heraus, fand er das irgendwie blöd. Ich glaube wirklich, dass er mich wirklich gerne hatte und das Gefühl ich würde mich aus seinem Sichtradius raus bewegen passte ihm nicht. Lag nicht daran, dass ich so supi bin, sondern das das eine Veränderung in seinem Sichtfeld bedeutet hätte. Nicht jeder mag Veränderungen. Also ging ein ganz blödes Spiel aus Nähe/Distanz, heiss/kalt los. Er lockte mich immer wieder in seine Richtung und bewegte sich aber selbst keinen Meter. Der Kerl ist ja nicht doof. Der weiß genau, was passieren kann, wenn sein Seil zu sehr spannt. Und ich? Na ja, ich bin eine Frau Anfang 40. Unsere Mütter haben uns beigebracht, dass wir immer lieb, entzückend und bemüht sein müssen. Uns anstrengen halt. Seil spannt, ich stemme dagegen und zack, ab auf 0.


An dieser Stelle bleib ich auch sitzen. Mein Masochismus ist begrenzt. Nervt ihn. Weil eigentlich war`s ja ganz nett mal mehr Nähe zu erleben. Er lockt. Er ist allerdings kein kompletter Vollidiot. So gerne ich das auch über ihn sagen würde. Er sagt gleich, Püppie, ich werde mich aber nicht bewegen. Frauen aber haben anerzogen bekommen, dass sie sich bemühen müssen, außerdem habe ich, wie jeder andere auch, das Bedürfnis das Gummiband zu überwinden. Mit viel Kraft komme ich ihm wieder Nahe. Einen Augenblick, dann gruselt ihn, er geht einen Schritt zurück. Ich werde auf 0 zurück geschleudert. Autsch. Das Ganze ziehen wir 5 oder 6 mal durch.


Irgendwann hab ich den Radius des Gummibandes akzeptiert. Er nicht. Er meldet sich das ganze Wochenende nicht? Ich zucke mit den Schultern und denke "egal". Seine Ratio, ja die hat er, sagt ihm, er dürfe da kaum was sagen, aber innerlich kocht er, weil die Distanz mit 2 durchhängenden Gummiseilen kann er auch nicht akzeptieren. Also lockt und provoziert er. Immer wenn ich mich mit einer Distanz abgegeben habe, tut er alles dafür, damit ich wieder gegen ankämpfe. In der ganzen Zeit grault er sich die Klöten und ruht sich darauf aus, dass er von vorne rein gesagt hat, dass er sich nicht bewegen wird. Hat er. Dass ich mich aber nicht bewege wollte er auch nicht akzeptieren. Sein Gummiseil heißt nämlich "ich brauche es, dass sich jemand ständig um mich bemüht".


Dieses Spiel funktioniert bei mir und vielen anderen Frauen. Ich nenne es auch Lonesome Cowboy Syndrom. Aber man kann sie nicht alle retten. Muss man auch nicht. Wir hängen alle an einem Gummiseil aus Werten, Plänen und Erfahrungen. Das ist nicht schlimm. Man kann sich prima innerhalb des Radius bewegen. Wer sich nicht bewegt, muss aber auch akzeptieren. Jeder muss seine eigenen Entscheidungen treffen.


Bis September war ich relativ entspannt. Die ersten 3 "Trennungen" kamen ja von mir. Bei den ersten beiden völlig schmerzbefreit. Doof halt, dass ich nicht von meinem emotionalem Sofa aufgestanden bin und irgendwas anderes gemacht habe als das vertraute Gummiseil-Spiel. Blöd, dass er nicht lieber wie andere Kerle ein bisschen rum onaniert hat um das unleidige Gefühl los zu bekommen.


Ich bin allerdings nur teilzeitblöd und ich hab ein paar ziemlich coole Sachen drauf, bei denen es sich lohnt Kraft zu investieren. Da muss und will ich mich nicht in die Sisyphosarbeit von Nähe/Distanz einlassen. Schon gar nicht, wenn man merkt, dass es sich so gar nicht gelohnt hätte. Also wechsel ich die Richtung, während er auf dem gleichem Punkt stehen bleibt, sein Ego damit beruhigt, dass er gleich gesagt hat, er würde sich nicht bewegen. Das ganze Ding war, egal wie man das Kind nennt, an dem Punkt zum scheitern verurteilt als ich beschlossen hatte mein Verhalten zu ändern.


Und das tut gut. Dinge sind wie sie sind. Wenn er stehen bleiben will, kann er das gerne tun. Solange mir keiner eine Waffe an den Kopf hält, kann ich für mich selbst entscheiden. In diesem Zusammenhang könnte ich Romane über Versuche schreiben sich nicht zu bewegen und das Problem über Beziehungsformen alla "fifty shades of grey" zu lösen, aber das ist mal wieder ein völlig anderes Thema.



Kommentare:

  1. Ich spiele jetzt in der Gummiband Schlagzeug. Brüller.

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  2. Keine Ahnung warum , aber beim lesen vom Gummiband musste ich unweigerlich an "fly Robin, fly" von Silver Convention (1976) denken 😂😂😂

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  3. Der Vorteil bei Gummi ist, dass wenn man es erwärmt, dann dehnt es sich weiter. Aber dafür ist es manchmal notwendig dem Ganzen ein bißchen Zunder zu geben, oder sich in die Sonne zu bewegen, statt in der Kälte zu bleiben. Und durch die erweiterte Sicht, können sich auch die Ziele ändern. Die Gefahr, das Gummiband-Spiel an anderer Stelle zu wiederholen bleibt allerdings auch da bestehen. Aber da die Spannkraft nachläßt, ist auch der Zug nicht so groß auf die 0 zurück.
    P.S. Super Beschreibung eines Verhaltens. Das Bild werde ich mir eventuell mal Ausleihen, wenn ich darf. Weiter so!!!

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    1. Klar darfst Du das haben.
      Übrigens kann man auch die Verankerung ändern. Anstatt eines Dübels eine Schiene zum Beispiel. Wichtig ist einfach, dass man sich bewegt ohne zurück geknallt zu werden. Grenzen kennen ;-)

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