Donnerstag, 6. Oktober 2016

Trust in me

C. hat sich neulich anhören müssen, sie solle mal ein bisschen mehr vertrauen. Sie ist fast aus dem Schlüppi gehüpft. Jeder Außenstehender hätte das wohl auch so gesehen. Ich konnte es voll verstehen.

Das mit dem Vertrauen ist nämlich so eine Sache. Schnell wird es mit Zuverlässigkeit verwechselt. Das eine hat aber nur sehr bedingt mit dem anderen was zu tun.


Ich kenne einige Menschen auf die ich mich verlassen kann, kaum jemanden, den ich vertraue. Und es wird im Alter immer schlimmer. Entwickelt sich scheinbar proportional zu anderen Alterserscheinungen wie Wasser in den Beinen. Blöd.


Jemanden vertrauen heißt, dass man ihm glaubt was er sagt. Klingt einfach, ist es aber nicht. Ich meine, wenn ich alleine an Angaben vor dem ersten Date denke, wird mir ganz schwummrig. Im Prinzip muss man schon den angeblichen Wohnort in Frage stellen. Zur Erinnerung, da wird mal schnell aus Potsdam eine Dienstwohnung und dann ist es plötzlich Magdeburg. Da fällt mir ein, ich hatte mal ein Date mit einem Kerl, der wollte mir weiß machen, dass er beim BND arbeitet und ich deswegen nicht wissen darf wo er wohnt, oder der Kerl, der behauptete, dass er jedes Wochenende ohne Telefon seine Eltern in Saarbrücken besucht. Nun ja, aber das sind ganz andere Geschichten.


Über solche Sachen kann man ja höchstens die Braue hochziehen. Ins Eingemachte geht es ja erst, wenn es um emotionale Sachen geht. Wann fängt man an dem anderen zu glauben, dass er es ernst meint? Schwierig. Denn je mehr Patienten alla Jeopardy, Magdeburg & Co. den Weg kreuzen, desto unglaubwürdiger werden die anderen. Und es gibt scheinbar einen unerschöpflichen Vorrat an Patienten.


Irgendwann springt man aber dann doch über seinen Schatten und…erleidet meistens eine üble Bruchlandung.


Eine kürzliche Bruchlandung war z.B. ein erwachsener Kerl mit einem formvollendeten Antrag. Ich zitiere: „ich war mir noch nie in meinem Leben so sicher." Diese Sicherheit hielt keinen Monat, dann wurden daraus kalte Füße. Anyway. Mal wieder eine völlig andere Geschichte.

Vertrauen heißt also, dass der andere meint was er sagt und es nicht nur so daher sagt, weil er gerade besoffen ist oder unter Glückshormonen steht (oder einfach nur notgeil ist).


Ich für meinen Teil brauche immer länger, bis ich auch nur irgendwas glaube. Ganz zu schweigen davon, dass ich glaube, dass man mich wirklich mag.


Warum? Ganz einfach, wenn ich jemanden vertraue, heißt das, dass ich Emotionen nicht nur zulasse, sondern auch zeige. Zeige und weiß, dass sie nicht gegen mich verwendet werden. Vertrauen heißt nämlich, dass ich mir sicher bin, dass mein Gegenüber seinen Fokus nicht nur auf sich und seine „Umstände" hat, sondern auch bei mir. Wenn ich mich daneben benehme, zickig oder gestresst bin, er die berühmten Fünfe gerade sein lässt.


Das scheint aber in der heutigen Gesellschaft nicht mehr angesagt zu sein. Man hat gefälligst immer gut gelaunt zu sein und nie gestresst. Im gleichem Atemzug aber bitte immer vollstes Verständnis für die Belastung des anderen haben. Besonders an uns Frauen wird dieser Anspruch gerne gestellt ohne dass er selbst erfüllt wird. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Männer gerne im Stress und der Belastung ihres Jobs aufgehen und zugleich glauben, dass wir Frauen den ganzen Tag im Büro nur Kaffee kochen. Viele wollen verstanden werden, bringen aber selbst kein Verständnis auf. Böse Falle, denn so kann kein Vertrauen entstehen.  Ich habe in den letzten Monaten einem "neuen" Menschen in meinem Leben vertraut und natürlich (passt ja in das Jahr 2016) auf die Nase bekommen.

Bemerkenswerterweise wäre ich mit einem "ich steh einfach nicht auf Dich" oder ähnlichem wesentlich besser klar gekommen.


Kommentare:

  1. Zum Thema "Vertrauen" könnte ich Romane schreiben. Auch über die - im Übrigen auch in der Damenwelt sehr verbreiteten - Doppelstandards hinsichtlich dessen, was man vom Anderen erwartet und selbst zu geben bereit ist. Leider sind auch Frauen oft sehr egozentrisch, weil sie als Papis Liebling von Klein auf gewöhnt sind, jeden Wunsch erfüllt zu bekommen, ohne etwas dafür tun zu müssen. Diese Anspruchshaltung setzt sich häufig bis ins fortgeschrittene Erwachsenenalter fort. Empathie und der Sinn für Eigenverantwortung wurden schlichtweg nie erlernt. Wenn man dazu dann noch die normalen zwischenmenschlichen Enttäuschungen rechnet, die zukünftige Bindungen natürlich zusätzlich erschweren, sieht die Prognose, ab einem bestimmten Alter überhaupt noch zu einer harmonischen Beziehung zu finden, ziemlich düster aus. Ab einem gewissen Alter sind die meisten Menschen einfach emotional geschreddert und verängstigt. Da wird beim kleinsten Anzeichen von Herzreaktion sofort alles weggebissen. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf. Das Wichtigste ist, nicht aktiv zu suchen. Das geht immer schief. Man sollte dagegen nie aufhören, an sich selbst zu arbeiten.

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  2. Ja, ich weiß. Ich persönlich warte häufig ab und gebe erst mal eine gelbe Karte. Aber ich bin ja auch kommunikativ und frage im Zweifelsfall nach bzw. mag Menschen die fragen. Leider hat in der letzten Zeit selten bei mir einer mal nachgefragt, sondern zog einsam und alleine seine Schlüsse ;-)

    Trotzdem definiere ich mit zunehmenden Alter NoGos klarer und absoluter

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    1. Das mit dem Definieren von No-Gos und dem Ziehen der sich daraus ergebenden notwendigen Konsequenzen mache ich genauso.

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  3. Für mich ist das wie eine anfängliche Herz Perforation, die im späteren Verlauf zur Ruptur wird. So vertrauen wie man es ggf noch mit 20 konnte , geht dann nicht mehr. Man ist wohl schon sehr gut bedient, wenn man irgendwann nur jedes vierte ausgesprochene Versprechen in Frage stellt.....Wir sind und bleiben die Summe unserer Erfahrungen

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  4. Vertrauen ist gut ... Kontrolle ist besser. Ich z.B. vertraue meinem Mann sehr weit und trotzdem wird es immer diesen klitzekleinen wunden Punkt geben, in dem ich nicht vertraue. Und der hat noch nicht mal was mit potentiellen Nebenbuhlerinnen zu tun. Sondern eher mit meinem Schwager, welcher mich immer bei meinem Mann schlecht macht. Was ist, wenn mein Mann seinen Bruder eines Tages mal mehr glaubt als mir.

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