Mittwoch, 26. Oktober 2016

Kachelmann-Syndrom

In der Firma in der ich arbeite, werden regelmäßig von den Chefs E-Mail mit dem Eingangssatz „aus gegebenen Anlass" verschickt. I.d.R. folgen dann Hinweise was man besser nicht macht. Einige sind sinnvoll, bei anderen überlegt man sich welcher Vollpfosten so dämlich war. Denn jeder weiß, dass der „gegebene Anlass" heißt, dass irgendjemand einen Bock geschossen hat. Ich habe mir angewöhnt nach solchen Mails mindestens 2 Tage lang bei internen Anrufen das Gespräch sofort mit dem Satz „ich war es nicht" zu eröffnen.



Heute möchte ich „aus gegebenen Anlass" mal ein paar Zeilen zu einem meiner Verflossenen schreiben. Und bevor es Spekulationen gibt, der gegebene Anlass betrifft nicht mich, aber eine gute Freundin.



Mein Verflossener, nennen wir ihn hier mal Gerd, und ich waren 2008-2010 zusammen. Bis zur Trennung aus meiner Sicht eine sehr gesunde Beziehung. Die Trennung zeigte, dass ich mir das nur eingebildet hatte. Aber wir fangen mal von vorne an. 2008 war ein sehr ungünstiges Jahr um sich in eine neue Beziehung zu stürzen. Meine alte Firma war insolvent und ich kam wie die Wiege zum Kind zu einer Selbstständigkeit. Ich war jung genug das zu riskieren, aber alt genug um zu erahnen, was das bedeutet. Selbstständigkeit bedeutet nicht wie landläufig angenommen 16h Tage, sondern vor allem eine extreme emotionale Belastung. Wann kommt welches Geld, reicht es, wie ist die Auftragslage etc. pp. Und weil mir das klar war, war ich eigentlich nur auf sexuelles Fastfood aus. Dafür hatte ich Gerd in der Pupille, weil er in meiner damaligen Szene so was wie ein local Hero war. Na ja, und das Ganze ist 8 Jahre her, also damals war ich auch noch recht knackig und ich brauchte nicht so viel Anstrengungen ihn rum zu bekommen.



Anyway, schnell haben wir festgestellt, dass wir förmlich kontaktsüchtig waren. Kein Tag ohne Nachricht, nur ausgesprochen haben wir es nicht. Eines Abends war ich bei ihm und er meinte plötzlich, dass er sich mal anziehen würde, was er anhätte, wenn ich nicht da wäre. Er kam in ausgebeulter Jogginghose und Holzfällerhemd zurück. Rückblickend ein wahnsinniger romantischer Moment. Ich lief damals auch schon nicht ganz rund.  



I.d.R. waren wir bei mir uns sahen uns auch recht regelmäßig. Eben weil er recht tiefenentspannt war. Wenn er da war, war es völlig okay wenn ich platt oder gestresst war, auch musste ich mich nicht künstlich aufhübschen. Wir haben einfach die Gesellschaft des anderen genossen. Ich habe es wirklich sehr genossen, dass mit ihm alles so relaxed lief. Schon damals war ich an den Wochenenden viel unterwegs, Gerd trug es nicht nur mit Fassung, sondern ich hatte nie das Gefühl, dass er litt oder ähnliches. Als meine beiden alten Hunde nicht mehr so konnten, ermutigte er mich mir einen jungen Hund zu kaufen. Auf meine anfänglichen Bedenken zwecks der zeitlichen Belastung versicherte er mir, er würde mich unterstützen. Er wüsste wie sehr ich das Ding mit den Hunden bräuchte. Manchmal kam er mit, oft auch nicht, alles okay. Übrigens kaufte ich mir damals Pest. Böse Zungen behaupten es gibt einen Zusammenhang zwischen meinem Ex und Pest seiner innergeschlechtlichen Intoleranz. Aber das ist eine andere Geschichte.



Gerd und ich hatten nur eine Regel und die hieß Ehrlichkeit. War er unsicher oder misstrauisch fragte er, andersrum genauso. Dementsprechend hatten wir irgendwann mal eine offene Beziehung. Es gab wohl Dinge, die ihm wichtig waren und die ich nicht leisten konnte. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde es wäre leicht gewesen. In unserer ganzen Beziehung gab es auf meiner Seite 2x Gelegenheit zu „außerehelichen" Aktivitäten. Beide wurden nicht wahrgenommen. Bei ihm kann ich mich nicht erinnern, ich weiß nur, dass ich einmal mein Veto eingelegt hatte. Es galt nämlich 2 Spielregeln einzuhalten: 1. der Partner hat bei sexuellem Interesse ein Vetorecht, 2. niemals, wirklich niemals kommt der andere in die Situation sein Gesicht zu verlieren, weil er auf Dinge angesprochen wird von denen er nichts weiß. Klingt einfach, oder?



Irgendwann bat Gerd um eine Beziehungspause. Normalerweise heißt Beziehungspause, dass der Kerl ohne Rechenschaft ablegen zu müssen eine andere flach legen will. Aber in einer offenen Beziehung ist das irgendwie nicht der Fall, oder? Ich habe die Welt nicht verstanden. Ich hatte ihm vertraut. D.h. ich bin fest davon ausgegangen, dass er mit mir kommuniziert, wenn was nicht stimmt oder er sich unwohl fühlt. Kurz, ich war am Ende und heulte mich täglich bei meiner damaligen besten Freundin aus. Der platze irgendwann der Kragen. Sie wusste nämlich, dass der Gute gerade dabei war 2 Parallelbeziehungen aufzubauen. So mit übernachten und so.



Davon war nie die Rede. Vögeln ja, aber Beziehung gibt es nur eine. Schlimm? Nun ja, im Laufe der nächsten Wochen kam raus, beide Frauen wussten von mir. Eine davon rief mich an und motzte mich an ich sollt ihn endlich in Frieden lassen?! Der Gute hatte nämlich behauptet, dass er mich nicht verlassen könne, weil ich emotional so labil wäre. Genug? Ach natürlich nicht. Ich habe ihn nach einer Weile verziehen. All meinen Stolz zur Seite gelegt und uns eine Chance gegeben. Eben weil ich dachte bis dahin wäre doch alles perfekt gewesen.



Morgens um 08:00 Uhr klingelte mein Telefon. Eine der beiden Frauen war dran. Sie wolle mich nur informieren, dass Gerd ihr nachts eine Nachricht mit folgendem Inhalt geschrieben hatte: „bevor Du falsche Schlüsse ziehst, ich habe Nelly gestern auf einer Party getroffen. Sie ist immer noch so fertig. Ich wusste nicht wie ich mich wehren soll. Also falls Du hörst wir wären wieder zusammen, ich hatte nur Mitleid."



Seit dieser Zeit haben 2 meiner engeren Bekannten Ihre Frauen mit Langzeitaffären beschissen, ich habe ihnen die Freundschaft gekündigt. Ich weiß wie sich diese Frauen fühlen, wenn es raus kommt. Man weiß nicht mehr an was man glauben kann. War alles Lug und Trug? Es werden Wunden verursacht, die heilen nie. Und ich darf das sagen, denn hin und wieder habe ich mich auch schon mit verheirateten Männern eingelassen. Aber niemals, wirklich niemals hätte ich die auch nur ansatzweise als Partner in Betracht gezogen. Nicht ohne ausgelebte Kastrationsphantasien.



Gerd versteht bis heute nicht um was es ging. Er fühlt sich als Opfer einer Frauenverschwörung. Er ist der einzige meiner Verflossenen, der die Straßenseite wechseln sollte, wenn wir uns begegnen.



Also meine Liebe, schau, dass Du da raus kommst. Er wird es immer wieder tun. Einem Menschen, der Dir monatelang glaubhaft etwas vorlügen kann, kann man niemals trauen. Dafür lügt er zu perfekt und selbstverständlich.



Kommentare:

  1. Sehr guter Text, wie immer. Zur Verteidigung meines Geschlechts muss ich allerdings betonen, dass nicht alle Männer so durchtrieben sind. Ausserdem behaupte ich, dass offene Beziehungen in Wirklichkeit nie funktionieren, weil Eifersucht eine menschliche Regung ist, die man zwar unterdrücken, aber nicht abstellen kann. Das heisst, es stauen sich mit der Zeit negative Gefühle, die sich irgendwann ihren Weg suchen. Das endet in einer Katastrophe. Ausserdem hat mich eine Frau, der ich nicht einmal die Monogamie wert bin, nicht verdient. Für die gute Freundin hoffe ich, dass sie die richtige Entscheidung trifft.

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    1. Ich kenne polygame Beziehungen. Ich halte sie für eine Art Versuch Verlustängste durch mehrere Partner zu kompensieren. Meine persönliche Meinung ;-)

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    2. Das oft benutzte "Argument", Monogamie sei in der Natur nicht vorgesehen, ist keines. Jeder halbwegs gebildete Mensch weiß, dass es Dinge gibt, die den Menschen vom Tier unterscheiden. Unter Anderem die Fähigkeit, nicht jedem Impuls nachzugeben. Selbstdisziplin, Charakterstärke und Prioritätensetzung sind nichts Negatives.

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    3. Zudem es in der Tierwelt sehr wohl Monogamie gibt. Sogar, dass man sich keinen anderen Partner sucht, wenn der eigene stirbt. Störche z.B.

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