Samstag, 3. September 2016

Hätte, hätte, Fahrradkette



Es geht mir überraschend gut, obwohl oder gerade weil ich eine exorbitant anstrengende Woche hinter mir habe. Normalerweise mache ich maximal einen Termin im Nebenjob pro Woche. Das heißt nämlich für mich meist noch früher aufstehen, früher im Büro sein, ggf. keine Mittagspause machen, damit ich ja pünktlich raus komme. Halb sieben aus dem Haus, vor 21 Uhr nach Dauerstress nicht zu Hause. Ich liebe meinen Job, meinen Nebenjob auch, aber das ist wirklich belastend. Diese Woche habe ich 3 Termine gemacht. Gute Termine. Bei einem habe ich einen großen Auftrag für Erstaufnahmestellen für Flüchtlinge verhandelt. Ich mag die Arbeit in den Flüchtlingsheimen. Sie ist anstrengend, aber sie erdet mich. Danach empfinde ich meine eigenen Probleme immer als sehr „wasserlöslich“. Außerdem habe ich für die nächsten Wochen einen Auftrag im Nachbarbundesland an Land geholt. Toller Auftrag, ich freue mich wahnsinnig drauf. Aber dazu später mehr. Ich war jeden Morgen 30-45 Minuten laufen. Keine Schmerzen und die Bewegung tut mir gut. Alles in Butter? Natürlich nicht. Irgendwas ist ja immer ;-)

Mitten in der Woche hat das SEK unsere gerade begonnene Beziehung beendet. Nachdem wir zwei Wochen ein sehr emotionales „hinundher“ hatten, hatten wir beschlossen es zu versuchen. Für beide ein großer Schritt. Wir sind beide gebrannte Kinder und werden zu oft von unseren Ängsten anstatt von Hoffnung geleitet. In der Zeit habe ich in noch mehr in mein Herz geschlossen und als er sich letzte Woche in einen 3-wöchigen Urlaub nach Amiland verabschiedet hat, habe ich ihn tatsächlich wahnsinnig vermisst. Hatte? Nein, ehrlich gesagt tue ich das immer noch. 

Mitte der Woche schrieben wir ein bisschen hin und her. Ich habe mich gefreut, weil er offensichtlich eine gute Zeit dort hat. Als ich mich dann irgendwann verabschiedet hatte, um todmüde ins Bett zu fallen, kam von ihm noch eine schwer zu interpretierende Nachricht. Sinngemäß, dass er etwas angenervt wäre, dass ich immer noch im Portal online wäre und er nicht merken würde, dass ich ihn vermisse. Meine Antwort darauf hatte er bis ich ins Bett ging nicht gelesen und entsprechend natürlich auch nicht geantwortet. 

„hätte, hätte“:

Ich hätte mich einfach ins Bett legen können und nicht weiter drüber nachdenken können. Aber er hat sich in mein Herz geschlichen und deswegen mag ich das Gefühl nicht, das er sich nicht gut fühlt. Ergo habe ich nicht gut geschlafen und fühlte mich am nächsten Tag wie ausgekotzt. Am nächsten Morgen hatte ich eine Nachricht mit „Alles gut. Mach Dir keinen Stress.“ Ich hätte das durchaus als eine Art Entschuldigung werten können und alles wäre paletti gewesen. Er hätte aber auch einfach schreiben können: „sorry, war doof von mir.“ Ich habe etwas patzig geantwortet. Nichts sei gut. ich hatte eine schlechte Nacht. Mein erster Termin im Büro lief nicht optimal. Nicht schlecht, aber auch nicht perfekt. Ich war genervt und mir gingen tatsächlich Gedanken durch den Kopf wie: „ganz toll, er meint immer er braucht für seinen Job den Kopf frei. Glaubt der ich lackiere mir den ganzen Tag im Büro die Nägel?“ Ich hätte mir bewusst machen können, dass immer noch mein Ding ist, wie weit ich mich beeinflussen lasse. Ich hätte mir bewusst machen können, dass der Termin auch mit einer guten Nacht nicht optimal gewesen wäre. Er hätte auch einfach mal die Situation auflösen können, bevor ich ins Bett ging und nicht etwas in den Raum werfen und dann weg sein. Ich hätte ihm sagen können, dass Dinge nicht immer sind wie sie scheinen, ich hätte patzig werden können und ihn höfflich darauf hinweisen, dass das Portal an dem er sich aufhängte, das ist, in dem er auch noch aktiv ist, dass sein Profil immer noch eine Kontaktanzeige enthält und und und. Habe ich nicht. Ich hätte alles auf sich beruhen lassen können. Nachmittags formulierte ich eine den Umständen entsprechend sachliche Nachricht in der ich schrieb, dass ich sein Nicht-Reagieren als „nicht okay“ empfand. Ich erläuterte, warum ich mich aufgrund einer bestimmten Situation verletzt gefühlt habe. Nein, ich schrieb noch nicht mal, dass er mich aktiv verletzt habe. Gelesen, zunächst keine Antwort. War auch okay. Ich hatte gesagt, dass ich etwas doof fand. Für mich war das Thema tatsächlich damit fast gegessen. Wir kennen uns kaum und ich empfinde es als wichtig klar zu kommunizieren was ich blöd finde und was nicht. Das gibt meinem Gegenüber die Chance mich zu begreifen. Danach kann der Andere in Ruhe entscheiden, ob er es ändern möchte oder nicht. Ich dann wieder ob ich damit leben kann etc. pp. 

Gerade als ich bei meinem Termin im Flüchtlingsheim vorfuhr und ich nochmal durchatmete, kam seine Nachricht, dass er unsere Beziehung beendet. Ich sei ihm zu unentspannt. Einer seiner Ängste ist, dass eine Beziehung in einengt und Madam zu Hause sitzt und Stress macht. Meine nachmittägliche Nachricht bestätigte ihn wohl darin. Ich hätte es einfach zu Kenntnis nehmen können. Ich hätte einfach abwarten können. Habe ich aber nicht. Er sitzt einen Ozean und einen Kontinent entfernt, schriftliche Kommunikation hat so seine Tücken und hat ohne was dafür zu können den ungünstigsten Zeitpunkt des Tages erwischt. Der Auftrag wäre mehr als wichtig für mich. Ich hätte es also einfach so stehen lassen können. Meine erste sofortige Antwort war noch relativ sachlich. Die zweite Nachricht nicht. Der Termin lief gut.

Zwei Tage habe ich daran rumgekaut. Wenn ich morgens aufwache, ist er mein erster Gedanke. Das wird auch bestimmt noch eine Weile so bleiben. Heute Morgen beim Laufen wiederholte ich im Geist immer wieder einen Satz eines Menschen, den ich bis heute sehr schätze: „Nelly, Du hast ein Recht auf Deine Emotionen.“ Stimmt. Ich drücke sie zu oft weg. Es hätte in der ganzen Geschichte so viel anders laufen können. Aber letztendlich bin ich auch nur ein Mensch. Ich habe Ecken und Kanten, gute und schlechte Eigenschaften. Es gab zick Zeitpunkte innerhalb dieser 24h in denen wir beide hätten anderes reagieren können. Beide. Ich bin immer versucht Menschen zu nehmen wie sie sind. Wir sind alle keine Kinder mehr und haben gefestigte Charaktere. Ich war der festen Überzeugung, dass ein Mann, der einen ähnlich schwierigen Charakter hat wie ich, der ähnliche Ängste in Bezug auf Beziehung hat wie ich viel Verständnis aufbringt. Ich bin nicht perfekt und reagiere entsprechend nicht immer perfekt. Trotzdem bin ich weit entfernt davon Szenen oder Dramen auf`s Parkett zu legen. Ich will Freiheit und gebe Freiheit. Nicht nur zeitlich oder räumlich, sondern auch emotional. 

Der Mann an meiner Seite wird mir diesen Raum lassen. So wie ich ihm seinen lasse.

1 Kommentar:

  1. So viele Daumen wie ich Dir hierfür hochhalten müsste habe ich gar nicht. Kann verstehen, dass Du diesen bewegenden und überlegten Artikel erst einmal schreiben musstest. Du bist toll!

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