Donnerstag, 15. September 2016

come to the dark side

Aggression führt zu Gewalt, Gewalt zu Schmerz und Schmerz zu…oder so ähnlich. Sprich Aggression ist pfui.
 

Wir leben in einer Gesellschaft, die Aggression ablehnt und verteufelt. Wir sind so friedfertig geworden, dass wir vegan essen, unsere Kinder antiautoritär erziehen und Katzen Glöckchen umhängen, damit sie keine Vögel fangen. Trotzdem erscheint uns unsere Welt zunehmend aggressiver. Nehmen wir mal internationale Konflikte raus und bleiben in unserer näheren Umgebung, erscheint es, als ob der Ton auf den Straßen zunehmen rauer wird. Kids ticken aus, Autofahren wird zum Kampfspiel und auf U-Bahnhöfen muss man aufpassen nicht zusammen geschlagen zu werden. Umso mehr verteufeln wir jeglichen Anflug von Aggression. Schon beim kleinsten Anzeichen aggressiven Verhaltens bekreuzigen wir uns und murmeln mindestens 5 „Vater Unser".
 

Dabei ist Aggression nicht nur eine älteste menschliche Emotion, sondern auch eine der Wichtigsten. Aggression verschaffte uns Jahrtausende lang Nahrung, Schutz und Sexualpartner. Sie sicherte nicht nur das Überleben der Art, sondern auch das eigene.
 

Und egal wie fortschrittlich wir werden, wie sehr wir uns nach einer utopischen, friedlichen Gesellschaft sehnen, der tief sitzende Instinkt auf jegliche Art von Angst und Bedrohung mit „Fight" zu antworten bleibt im menschlichen Verhalten verankert. Bei dem einen mehr, beim anderen weniger. Wie viel Aggressionspotential in uns steckt hängt von verschiedenen Faktoren ab. Auf diese einzugehen, das ist ein eigenes Thema und gehört nicht hierher.
 

Es bleibt, dass der Instinkt hin und wieder auszuflippen einfach da ist.

Unsere Gesellschaft verteufelt uns dafür. Das ist nicht schicklich und asozial. Pfui halt. Also neigen wir dazu, immer mehr dieser Impulse zu unterdrücken. Übrigens habe ich das Gefühl, je höher das gesellschaftliche Ansehen und der eigene Anspruch an sich selber sind, desto heftiger wird unterdrückt. Zudem aggressives Verhalten landläufig als dumm abgestempelt wird. Und wer möchte schon als dumm wahrgenommen werden?
 

Die Krux ist, dass Aggression als Impuls eine nicht zu unterschätzende Energie ist. Jeder der in Physik ein bisschen aufgepasst hat, weiß, dass Energie nicht wirklich lange gedeckelt werden kann. Energie muss immer irgendwo hin. Unterdrückt man sie zu lange, sucht sie sich ihren eigenen Weg. Meist zerstörerisch und destruktiv. Peng. Doofe Sache das.
 

Wenn menschliche, aggressive Energie explodiert, passiert auch meistens was Schlimmes oder zumindest höchst Destruktives. Deswegen bin ich ein großer Freund von aggressiven Verhalten. Jedenfalls wenn es gezielt kanalisiert ist oder einfach nicht schlimm/okay. Wie man aggressive Energie in konstruktive umwandelt, ist mir an dieser Stelle zu „heiteitei heilewelt." Deswegen mal ein paar Beispiele, bei denen aggressive Energie okay und wann sie es nicht ist:
 

  • Im Auto kurz zu fluchen wie ein sizilianischer Betonmischer ist in Ordnung. Den Vordermann zu überholen und aus Rache auszubremsen nicht (weil gefährlich).
  • Wütend gegen den nicht funktionierenden Süssigkeitenautomaten zu treten ist okay, den Servicemonteur anzubrüllen nicht.
  • Einen fiesen Blogeintrag zu schreiben geht klar, öffentliche persönliche Angriffe eher nicht.
 

Leider, leider empfinden wir schon bei Sachen die eigentlich okay sind tiefe Scham und empfinden es auch als peinlich. Also knicken wir es uns und versuchen unser souveränes Gesicht zu wahren bis wir platzen. Jedenfalls platzen Männer. Die mutieren zu Autobahnrowdys (obwohl sie ansonsten liebevolle Väter sind), werden tyrannische Chefs oder gefährliche Radfahrer. Wie gesagt, es geht hier nicht um Dinge, die sinnvoll kanalisiert werden.


Frauen platzen übrigens nicht. Erstens haben wir weniger Aggressionspotential (wurde durch die Hexenverbrennung genetisch auch aussortiert) und zweitens ist der gesellschaftliche Anspruch an Harmonie und Sanftmut noch höher. Frauen kauen dann Fingernägel, werden magersüchtig oder brechen mit Burn out zusammen. Auch blöd. Aber ich mag hier nicht auf Frauen eingehen. Es geht um Kerle.


Kerle unterdrücken ein Haufen Aggression. Es bleibt ihnen häufig nichts anderes. Das hat wirklich extreme Auswirkungen. Ganz besonders auf das Beziehungsleben. Umso kontrollierter ein Mann ist, umso misstrauischer werde ich. Umso mehr sein Job, seine Umwelt und ähnliches Aggression aufbaut und umso reflektierter er wirkt, umso sehr muss man wachsam als Frau sein. Ja, richtig. Gerade die reflektierten Kerle neigen zu sehr destruktivem Verhalten. Sie haben nämlich einen enormen Anspruch an sich selber und verzeihen sich nichts. Sie unterdrücken jeglichen Impuls um nicht als Primat wahrgenommen zu werden. Und jetzt packt mal folgendes zusammen: Testosteron und Aggression bedingen sich. Frauen stehen auf echte Kerle (Testosteron). Er soll aber schlau und gebildet sein. D.h. er unterdrückt aggressive Impulse. D.h. wir wollen Kerle mit großen Aggressionspotential und einer ausgesprochenen guten Impulskontrolle. Wenn er offensichtlich explodiert, fliegt er raus, klar, tut er aber nicht, also explodieren. Er ist ja clever und kein Primat. Also bekommt der Energiekessel überall kleine Löcher. Der heiße Dampf entlädt sich durch undichte Nieten und Ränder. Ständig, aber nie sehr offensichtlich entweicht der heiße Dampf. I.d.R. zeigen diese Kerle also spontanes, angedeutetes Arschlochverhalten, das aber selten schlimm genug ist, dass wir es bewusst wahrnehmen. Maximal bezeichnen wir solche Männer als schwierig. Und schwierige Männer kicken viele Frauen. Weil wir möchten, dass sie für uns ihre Mauern einreißen und nicht mehr unter Druck stehen. Ist so`n Frauending auf das ich mal bei Gelegenheit eingehe.


Klappt aber nicht, also das diese Kerle zu Hause Schmusekater werden. Jedenfalls nicht zu 100%. Aggression (und Testosteron) ist halt genetisch bedingt und unterliegt Wechselwirkungen (Job etc.), welche wir zuhause nicht beeinflussen können.


Oft entwickelt sich so ein ewiger, selbst zerstörerischer Kreislauf an unglücklichen Beziehungen. Weil er sich eben immer wieder wie ein Arschloch benimmt. Wie das teilweise aussieht und warum es konträr zu dem ist was wir Frauen uns wünschen, werde ich ggf. in den nächsten Tagen beschreiben.


Bis dahin finde ich es ziemlich lustig, wenn ich meine eigenen Aggressionen kontrolliert Luft lasse, im Auto fröhlich fluche und fiese Blogeinträge schreibe. Dadurch bin ich nicht auf der dunklen Seite, genieße aber ab und zu ein lebensbejahendes Mittelgrau.



Kommentare:

  1. Mittelgrau ist das feminine schwarz

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  2. Intelligent und gebildet ist nicht zwangsläufig das Gegenteil von männlich. Das Problem besteht darin, dass der Begriff "Männlichkeit" für jeden etwas Anderes bedeutet. Meiner Meinung nach bemisst sich Männlichkeit zum Beispiel nicht nach Bizepsumfang, Intensität des Auf-die Brust-Trommelns oder Lautstärke der Brunftgeräusche. Muskelbepackte Urmenschen sind nach meiner Definition von Männlichkeit oft sogar die unmännlichsten Personen überhaupt. Ja, aber was ist denn nun meine Definition von Männlichkeit? Das Publikum hält es vor Spannung kaum noch aus. Für mich bedeutet Männlichkeit das Übernehmen von Verantwortung für sich und Andere. Männlichkeit bedeutet, Prinzipien zu haben und diese auch zu leben, selbst wenn sie gerade nicht populär sind. Männlichkeit ist das Stehen zu seinem Wort. Männlichkeit ist Handeln und Gradlinigkeit. Männlichkeit ist Verläßlichkeit. Ich könnte ewig so weitermachen. Und ja: Manchmal bedeutet Männlichkeit auch, im richtigen Moment ganz freundlich, aber "Dirty Dancing"-mässig zu sagen:"Mein Baby gehört zu mir und wenn Sie das nicht verstehen, kann ich Ihnen das vor der Tür gerne nonverbal genauer erklären.

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  3. Intelligenz und Bildung haben aber durchaus was mit Impulskontrolle zu tun.

    Deine Definition von Männlichkeit sollten doch Frauen auch erfüllen, oder?

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  4. Absolut richtig. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass Impulskontrolle eine zivilisatorische Errungenschaft und nicht per se etwas Schlechtes ist. Wie immer kommt es auch hier auf die Menge an. Wer seine Impulse immer rauslässt, ist sozial genauso unverträglich, wie jemand, der das nie tut.

    Ich bin mir nicht sicher, wie attraktiv ich fäusteschwingende Frauen finde. ;-)

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    1. Das stimmt. das richtige Maß eben. Lieber mal fröhlich vor sich hin fluchen als irgendwann plötzlich aus ticken. Oder anders kompensieren, sozialverträglich nachts durch die Wohnung tanzen.
      Das Problem ist, das viele Menschen ihr Aggressionspotential, also ihr Energielevel falsch einschätzen.
      Übrigens kanalisieren Frauen anders. Zudem sie tatsächlich i.d.R weniger aggressiv sind. Wie gesagt, die Hexenverbrennung hat den Genpool stark eingeschränkt ;-)

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