Samstag, 27. August 2016

Ernsthaftes



Die Statusmeldung einer Freundin, nein, nicht C., ich kenne mehr als einen Menschen, lautet gerade: „Liebe ist auch nur eine biochemische Rektion. Ähnlich wie kotzen.“ Ich schrieb ihr: „stimmt nicht, wenn Du kotzt ist der ganze Scheiß raus und nach ein paar Tagen geht es Dir besser“.

Liebe ist eher wie eine alte Sportverletzung, die nie richtig ausgeheilt. Solange man seinen normalen Alltag hat, spürt man sie nicht, ein bisschen Bewegung schadet auch nicht, geht man aber wieder in die Belastung spürt man deutlich das Ziehen. Die Frage ist nun, wie geht man damit um. Hängt viel mit der Art der Verletzung und leider auch mit dem Alter zusammen. Je älter wir werden, desto eher spürt man nämlich die Folgeschäden. Ich bin 42 und mein linkes Knie ist kaputt. Mit 20 war es nur das Knie, durch die ständige Fehlbelastung zickt nun die Hüfte und der Rücken. Außerdem geht man mit 20 auch anders mit sich selber um. Da denkt man einfach nicht an Folgeschäden. Die Schmerzerfahrungen haben sich noch nicht so ins Hirn gebrannt und ganz sachlich, die biochemische Schmerzsensibilisierung der Synapsen ist auch noch nicht so ausgeprägt. 

Mit 20 habe ich intensiv Sport betrieben. Trotz kaputtem Knie. Im Trainingslager jagte und der Trainer uns die Berge hoch. Alle 20 Minuten Stopp und Kicks üben. Er hat uns solange geschunden, bis man das nur noch über den Sieg des Kopfes über den Körper schaffen konnte. Ähnlich einem Marathon. Nach 1,5h lang ich auf dem Boden und habe gekotzt und geheult. Vor Schmerzen. Mein linkes Knie war dick wie eine Wassermelone und mein Trainer stinksauer. Ich fiel das ganze Trainingslager aus. Nichts ging mehr. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie wütend ich war. Auf mich, auf mein Knie und auf meinen blöden Trainer, weil der sauer war. Als ich wieder einigermaßen fit war, merkte ich, dass er das Training mit mir deutlich umgestellt hatte. Ich war wieder sauer und fühlte mich zurück gesetzt, schlecht behandelt und und und. Jetzt war der Gute zum Glück ein bisschen reifer als ich und er nahm mich zur Seite. Wenn es nicht um Emotionen geht, sind manche Männer durchaus in der Lage zu kommunizieren ;-). Er erklärte mir recht geduldig, dass er das Training in Bezug auf die Belastung umgestellt hatte, damit ich mich langsam, trotz Verletzung, wieder in die alte Form begeben konnte. Er trainierte mich nicht weniger, sondern anders. Hätte ich ihm vor dem Trainingslager von meinem kaputten Knie erzählt, hätte er dafür gesorgt, dass ich ohne weniger zu machen, nicht weg gebrochen wäre. Anders heißt nicht schlechter. Unnötig zu erwähnen, dass ich mit Mitte 20 viel zu trotzig war das zu kapieren. Ich weiß gar nicht, wie oft ich die nächsten Jahre immer wieder komplett ausgefallen bin. Diese Schmerzerfahrungen haben dazu geführt, dass ich kaum noch Sport gemacht habe. In den folgenden 20 Jahren habe ich immer mal wieder das Laufen angefangen. Immer wieder das Knie gespürt und es wieder sein gelassen. Zudem mit zunehmendem Alter nicht nur das Knie, sondern eben auch andere Schmerzen dazu kamen. 

Inzwischen weiß ich, dass meine kritische Grenze 30 Minuten bzw. 5km je nach Gelände ist. Hin und wieder gehe ich noch Laufen, aber selten und ich vermeide es tunlichst über diese Grenze zu kommen. Die Erinnerung an die Schmerzen ist zu präsent und es ist leider ein Fakt, dass die sog. biochemische Schmerzerinnerung, also die Sensibilität der betroffenen Regionen, immer ausgeprägter wird. Der Körper sendet, je öfter man Schmerzen hat, immer früher Warnbotenstoffe aus. Und jetzt kommt der Bogen ;-)

Ähnlich geht es mir, und Freundinnen, in der Liebe. Die erste große Liebe. Da ist man noch mit dem Kopf durch die Wand. Man war impulsiv, hat seinen Emotionen freien Lauf gelassen und sich vor Allem auf Typen eingelassen, mit denen es rational gesehen keine Perspektive gab. Nachdem man dann das eine oder andere Mal heulend in der Ecke lag wird man etwas vorsichtiger. Je älter man wird, desto präsenter ist der Schmerz und man lässt sich weniger schnell auf einen neuen Mann ein. Trotzdem hat man diesen unglaublichen, nicht zu bändigen „Bewegungsdrang“. Irgendwann hängt man wieder kotzend in der Ecke. Die emotionalen Folgeschäden werden immer größer. Man wechselt die Sportart, versucht es also mal mit einem anderen Typ von Mann. In meinem Fall gab es dann zwei Möglichkeiten, ich fand ihn fad oder letztendlich hat sich rausgestellt, dass er eben nicht anders gestrickt war als die Vorgängermodelle. Die Folge war übrigens, dass ich mich 4 Jahre komplett rausgezogen hatte. Um im sportlichen Vergleich zu bleiben, hinterließ die letzte Trennung Schäden in Knie, Hüfte und Rücken, die so schmerzhaft waren, dass ich überhaupt kein Bedürfnis mehr hatte, mich auch nur einen 1m zu bewegen. Gut, dass mir der Sport wirklich gar nicht fehlte, schlecht, dass das nicht anhielt. Weil ich aber keine 20 mehr bin, vermied ich also die kritische Grenze der Belastung. Schön Distanz halten. Lieber öfter ein bisschen als einmal richtig. Sprich möglichst unverbindliche Geschichten ohne große Emotionalität. 

Tief im Inneren bleibe ich aber auch Romantikerin. Oder Kämpferin. Ich kann und will nicht akzeptieren, dass ich mein Leben lang nur noch im Schongang spazieren gehe. Das mache ich mit meinen kaputten Knien nicht und nicht mit meinem Herz. Ich bin mir ziemlich sicher, hätte ich damals auf meinen Trainer gehört, ihm rechtzeitig über meine Verletzung berichtet, wäre es nie zum dem Komplettausfall gekommen. Hätte, hätte, Fahrradekette. 

Inzwischen bin ich zu alt für einen Trainer und möchte lieber einen Trainingspartner. Einem, dem ich sagen kann, dass mein Knie kaputt ist und der mich deswegen nicht behandelt wie schwerbehindert. Einen der trotzdem nicht versucht mich bis zum Zusammenbruch bergauf, bergab zu jagen. Wahrscheinlich versteht er das nur, wenn er einen ähnlichen Defekt hat. Und wenn er in der Lage ist, mir seine Belastungsgrenzen klar zu kommunizieren. Ansonsten läuft man Gefahr, dass er danach ausfällt. Scheiß belastend dieses Spiel,

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