Sonntag, 20. Februar 2022

Pest

 Pest ist tot. Und wie in sein Leben ist auch sein Tod irgendwie nicht zuzuordnen. Nichts passt, um es zu beschreiben. Im Leben sah Pest aus wie ein Hund, war aber keiner. Hunde benehmen sich anders. Ich hatte schon viele bepelzte Mitbewohner, aber keiner hat mein Leben, meine Tagesstruktur, sogar mein Heizverhalten so geprägt wie dieses Alien.

Vor Pest lagen bepelzte Mitbewohner in Körbchen, haben gehorcht und mussten sich meiner Struktur anpassen. Pest lag auf dem Sofa mit möglichst viel Körperkontakt zu mir, unter der Bettdecke. Er fror im Winter so schnell, dass ich mir abgewöhnt habe bei offenem Fenster zu schlafen. Er hatte ein Talent an jede Faser Mitgefühl zu appellieren.

Draußen bestimmt er wann wir wo spazieren gehen. Seine Gabe sich von einer kuscheligen Wärmflasche zu einem größenwahnsinnigen Terrorzwerg zu verwandeln, suchte ihres Gleichen. Er hat gehorcht, war aber einfach zu schnell für mich. Bevor ich ihm irgendeine Anweisung geben konnte, war er schon 100m weit, um sich mit einem 30kg Boxerrüden anzulegen. Er zog meist den Kürzeren. Deswegen habe ich Tageszeit und Gassirouten der durchschnittlichen Frequenz im Wald angepasst. Ich freute mich über Regen, weil dann einfach weniger los ist und mein Nervenkostüm unbeschadet blieb.

Im Alter wurde er zwar langsamer, dafür taub. Der Wald durch Corona voller und ich gestresster. Er bestimmte meine Gassifreundschaften. Gassifreundschaften, die nur zu christlichen Zeiten bei schönem Wetter in den Wald gehen, waren inakzeptabel. Angefreundet habe ich mich mit Menschen, die super gerne Sonntags vor 7 unterwegs sind. Und Hündinnen haben. Pest war so lebendig, anstrengend, dass er bei regelmäßig bei Gassidiensten und Sittern rausflog. Nie war er böse, aber ich hörte immer, dass er einfach zu viel Kraft fordert. Der häufigste Satz lautete immer: „das schaffe ich einfach nicht“. Mit fast 13 konnte man 2h mit ihm durch den Wald toben und nach ein paar Stunden Schlaf, rannte er wieder durch meine Wohnung und schmiss seine Spielzeuge durch die Gegend. Bei Videokonferenzen flog mir regelmäßig ein Kuscheltier an den Kopf.

Also bin ich immer früher aufgestanden, um gleich in der Früh eine große Runde zu drehen. In der Hoffnung, dass ich dann ein paar Stunden Ruhe habe. Seine Blase war im Alter schwach, also vor jeder Videokonferenz schnell nochmal mit im vor die Tür, Gassidienste und Termine so getaktet, dass seine Blase es aushält.

Ich habe mir oft vorgestellt, wie einfach mein Leben ohne ihn wäre, wieviel Freiheiten ich genießen würde. Wie oft habe ich geflucht, dass ich zum Yoga will und nicht 3x am Tag bei Wind und Wetter für mind. 1h raus mit Spiel, Spaß und Aktion. 20.000 Schritt am Tag und er hat mir trotzdem das Gefühl gegeben, ihn nicht auszulasten. Mit fast 13!

Und dann ging Alles ganz schnell. Dienstag sagte ich noch, dass er offensichtlich beschlossen hat, mindestens 25 Jahre zu leben, samstags war er tot. Er starb, wie ich es nie wollte für ihn. Unter großen Schmerzen in der Klinik. Ich hatte bis zum Schluss nicht damit gerechnet. Bis zum Schluss habe ich geglaubt, dass der Grund warum sein kleiner Kopf innerhalb 3 Tagen anschwoll irgendeine Entzündung sei. Ohrspeicheldrüse oder so. Wäre so typisch für ihn gewesen. Sich irgendeinen kleinen Stock in der Gosche so blöd in die Schleimhäute zu rammen, dass sich Alles mit multiresistenten Keimen entzündet. Man hat Nichts gesehen, vorher. Keine Beule, er rieb sich nicht den Kopf, Nichts. Aber am Donnerstag hatte sein kleiner Körper beschlossen, sich gegen den großen Tumor auf der Schädeldecke zu wehren. Mit aller Macht. Aber hatte wie gegen die 30kg Rüden keine Chance. Ich habe ihn, während er vor Schmerzen zitterte, zusammengerollt auf meinem Schoß, gehen lassen.

2 Wochen konnte ich nicht weinen, Nichts fühlen, außer einer großen Müdigkeit. Ich hatte keine Kraft Dinge zu tun, von denen ich immer gesprochen habe, dass ich sie tue, wenn er nicht mehr ist. Ich fühle mich wie nach einer schweren Grippe, Alles ist anstrengend, ich will nur rumliegen und Nichts machen. Und ich habe Angst. So lange habe ich geschimpft wie anstrengend und einschränkend das Leben mit ihm ist, was wenn es jetzt öde und langweilig ist? Wenn er nur eine Ausrede war, warum ich für mehr Yoga, mehr Rennrad, mehr Fleiß bei der Arbeit keine Zeit und Kapazitäten habe? Ich meinen Arsch einfach nicht hochbekomme und bei Netflix versumpfe?

Cholera macht es mal wieder richtig. Cholera blüht auf. Einzelprinzessin. Endlich niemand mehr, der ihr durch einen bloßen Blick signalisiert, dass es nur einen Hund in der Küche geben kann, wenn ich den Kühlschrank öffne. Endlich kann sie ungehemmt mit vierbeinigen Klötenträgern flirten, ohne dass da ein 3-Pfund-Brot Einspruch erhebt und alles verscheucht. Und vor allem, endlich ins Bett springen, ohne deswegen eine gepfeffert zu bekommen, weil unter der Decke plötzlich etwas hervorschießt und ihr die Leviten liest.

Ich hätte gerne ihre Gabe immer das beste aus jeder Situation zu machen.

Freitag, 27. November 2020

Mikro-Kosmos

 Durch den Lockdown wird mein Horizont immer kleiner, mein Kosmos schrumpft auf Mikrogröße.

Inzwischen unterhalte ich mich sogar liebend gerne mit Menschen die glauben, dass die Hygienedemos gar nichts mit der AfD zu tun haben. 

Welche Auswirkungen hat die Situation auf Menschen, deren geistiger Horizont schon vor Corona nur bis zur Haustür ging?

Ich befürchte katastrophale Auswirkungen. Ach verdammt, die sind ja offensichtlich schon da.


Sonntag, 22. November 2020

Neuste Studien belegen: Bücher lesen hilft gegen Corona

 Ich glaube ja, dass Corona bzw. die Entwicklung der Gesellschaft, die man beobachten kann im direkten Zusammenhang mit der rückgängigen Zahl an gelesenen Büchern steht. Wenn ich es mir genau überlege, eigentlich die gesamte Wutbürger-Bewegung.

Ist euch noch nie aufgefallen, wie oft man bei Social Media Links zu Artikeln großer Zeitungen mit aufmerksamkeitserheischenden Überschriften präsentiert bekommt. Ich klicke die immer an und bin dann enttäuscht, da man den gesamten Artikel nur lesen kann, wenn man ein Spiegel, Handelsblatt oder Welt Abo hat. Verdammt, dafür bin ich zu geizig.

Bewundernswert aber, wie viele offensichtlich ein solches Abo, auch in der Vielzahl, haben. Denn wer würde denn ohne den gesamten Artikel zu lesen nur auf „teilen“ klicken?

Ah, verdammt. Stimmt ja. Das machen viele. Zudem es ja sowieso so ist, dass Texte immer kürzer werden. Lange Texte werden nicht mehr gelesen. Blogs werden durch kürzere Tweets ersetzt, diese durch bewegte Bilder bei Instagram und Instagram dann schließlich durch TikTok, wo man noch nicht mal den Kanal wählen muss um sich in Dauerschleife mit Inhalten unter 30 Sekunden in berieseln lassen kann.

D.h. das Aneinanderreihen von kurzen Headlines ist einfach Zeitgeist. Wie können wir dann erwarten, dass ein Durchschnittsmensch sich urplötzlich hinsetzt und längere Texte liest, um zu einer Meinung zu kommen? Ich meine wer sich jahrelang geistig nur so beschäftigt muss ja zwangsläufig bei den Überschriften Quarantäne, Ausgangssperren und Anne Frank einen Zusammenhang fühlen. Denn mal ganz ehrlich, die meisten von uns, mich eingeschlossen, mussten de genaue Geschichte der Anne Frank noch mal genauer lesen, um ein gerechtes, begründetes Urteil zu fällen, dass dieser Vergleich mehr als hinkt. Meine Schulbildung ist einfach zu lange her – verdammt fühle ich mich bei dem Gedanken alt. Ich wusste es nur noch in groben Zügen und rettete mich durch das moralische Gerüst meines lesenden Umfeldes, dass egal was ich weiß der Vergleich daneben ist.

Wenn ich jetzt aber einen Menschen nehme, der nicht in den Genuss eines Geschichtsleistungskurses kam, d.h. das rudimentäre Erinnern schon weniger ist, der seit Jahren geistig nur noch durch immer kürzer werdende „Short Messanger“ Dienst berieselt wird bis er schließlich bei 15 Sekunden Videos angelangt ist, welche Chance hat er dann?

Wir haben jahrelang in einer Zeit gelebt in der wird eher mit 10 Menschen parallel/gleichzeitig über WhatsApp gechattet haben als uns mit einem ernsthaft zu unterhalten. In einer Zeit in der wir immer mehr Dinge besitzen, die uns das Leben angenehmer machen sollen, uns aber dazu bringen immer weniger Zeit und mehr Stress zu haben. Informations-Tinder durch Algorithmen. Wobei wir noch nicht mal nach links wischen müssen, denn der Algorithmus macht die Vorauswahl an (Kurz-)Artikel/Texten die uns gefallen könnten. Die Globalisierung, die Mobilität, Alles soll uns unsere Möglichkeiten immer größer machen, aber in Wirklichkeit wurde unser geistiger Kosmos immer kleiner.

Und nun sitzen wir, die, da und werden mit etwas konfrontiert, was vor 10 Jahren normal war und heute befremdlich ist. Nämlich das Bewerten und Verarbeiten unterschiedlicher Informationen in der Tiefe. Wer einen Vergleich mit Anne Frank erwähnt, sollte sich intensiv, also länger als ein Wikipedia Eintrag, mit ihr beschäftigt haben. Wer sich auf das Ermächtigungsgesetz bezieht, müsste mal locker 50 Seiten Geschichtsbuch lesen, um die Entstehung, die Auswirkungen und die Hintergründe wenigstens annähernd beurteilen zu können.

Das passt aber nicht in das Mindset der Gesellschaft im 21. Jahrhundert, welche sich mal schnell via Youtube optimiert, informiert und trainiert während die Kartoffeln kochen. Alles gleichzeitig, alles schnell, alles in kleine, leicht verdauliche Happen verpackt. Kleine, schnell zu schluckende Portionen to go. Multitasking ist überall. Nicht im Job, sondern im Alltag. Alles muss irgendwie dazwischen passen bis man dann abends stunden bei Netflix vertrödelt. Allerdings auch ohne geistiges Training.

Selbst die jahrzehntelang bewährten Klett Hefte der Schule, welche endlos erscheinende Weltliteratur wie Nathan, der Weise oder Iphigenie auf Tauris auf 60% der Seiten erklären, werden gekürzt. Die Schüler können, sollen, wollen keine langen Texte mehr lesen.

So sind die momentanen Kontroversen in der Art wie sie geführt werden nicht Ursache, sondern ein Symptom. Corona macht das nicht schneller oder heftiger, sondern sichtbarer. Headline und Halbinformations-Frontalangriffe ohne Hintergrundwissen oder was noch schlimmer ist, echtes Interesse am Meinungsaustausch. Beide Lager verfolgen, Großteils, nur noch den in Ihrem Umfeld gängigen Mainstream. Abfeuern von schnell zusammengewürfelten Podcast- (nebenher gehört), Youtube- und 1. Seite Google Wissen.

Und damit ich den Bogen nicht ganz verliere. Wären wir, die, ihr, in den letzten Jahren mehr bereit gewesen, um sich mal in Ruhe hinzusetzten und ein Buch zu lesen, nur zu lesen, nicht Hörbuch, nicht 20 Minuten Podcast auf dem Laufband, lange Texte zu verstehen, zu verarbeiten, mit den Geschehnissen aus den ersten Kapiteln in Verbindung zu bringen, könnte man, wir, die jetzt ohne Anstrengung, ohne Änderungen in der mentalen Komfortzone Dinge in Relation und in einen größeren Zusammenhang bringen als die Momentaufnahmen. Hätten wir die Fähigkeit nicht verloren den verdammten Nudeln einfach mal beim Kochen zuzusehen, anstatt in den 9 Minuten 12 andere to dos abzuhaken, wären wir jetzt wesentlich relaxter, weil entschleunigt, weil weder auf Lauterbach noch auf Hiltmann&co. sofort mit Headlines geworfen würde.

Singletasking als Lösung. Großes Kino. Bedeutet nämlich auch, dass man nicht zwischen Tür und Angel noch schnell einen kurzen Kommentar bei Facebook, Twitter etc. abgibt. Überlegt euch mal, wie entspannt, weil entschleunigt viele Diskussionen wären, wenn nur noch die kommentieren, die sich gerade voll und ganz auf das Thema konzentrieren. Und wie wenige es wären, wenn alle abends mal „nur“ ein gutes Buch lesen.

Justmy2cents ©

Donnerstag, 27. Dezember 2018

Umgezogen

Meine Lieben,

ich habe einen neuen Blog. Eine etwas andere Ausrichtung, neues Design, roter Faden. Die Adresse wird irgendwann, wenn er mit Leben erfüllt ist bekannt gegeben.

Montag, 10. Dezember 2018

Prinz Charming - Mathe 6 - setzen

Wir sitzen zusammen in der Raucher Lounge. Es ist lustig. Ich philosophiere, ob ich meinen Stolz zur Seite lege und mein Schicksal akzeptiere. Also das des Alterns. Kurz, ich überlege laut, ob ich zu dieser HotCougars Party gehe und damit entgültig dazu stehe, eher eine MILF zu sein als ich mir eingestehen möchte. So alterstechnisch.

Das Jüngelchen mir gegenüber strahlt und bietet Begleitung an. Ich rede mich mit "die Party ist mir zu teuer" raus. Begleitung heißt meist Verpflichtung. Verpflichtug ertrage ich gerade nicht.

Der Jungsche strahlt weiter und meint wenn man`s durch 2 teilt, sei es gar nicht mehr so teuer.

Ich  rezetiere dem Kerl vor:
Als Solo-Dame zahle ich 30€, als Solo-Herr 90€, als Paar 80€.

Schweigen und Bambi-Blick mit einer gewissen unsexy Leere.

Ach ja, wann werde ich es lernen, Dinge gleich direkt und ungebremst zu formulieren?

Ich:
Schätzchen, ich habe akzeptiert, dass ich oft nur als Rabattmarke für den Eintritt einzelner Herren missbraucht werde, aber erklär mir mal warum ich für Deine Begleitung `n 10er mehr bezahlen sollte?

Wieder dieser leere Blick.

Ich steh auf und beschliesse mehr zu trinken. Viel mehr. Ich kann gewisse Dinge einfach nur noch mit sehr viel Alkohol ausblenden.

Dienstag, 23. Oktober 2018

Dating Pannen – Short Cuts - Part I


Oh Gott, nein, all diese Geschichten sind mir nicht alle in den letzten Monaten passiert. Wäre es so, hätte ich schon längst all mein Geld zum Chirurgen getragen bzw. mich in einer Therapiegruppe angemeldet. Alternativ wäre Burka auch eine Möglichkeit gewesen, aber ich befürchte das ist heutzutage nicht mehr political correct.
 
Part I
Ich sitze im Kaffee, warte auf das spontane Date. Irgendwie hatte ich schon vorher ein schlechtes Gefühl, aber ansonsten auch nichts Besseres vor. Der Typ geht gerne und viel ins Insomnia, alternativ ins KitKat. Beide Läden sind mir in der Masse suspekt. Besonders das KitKat. Ich bin nicht pingelig, aber da  bekomme ich schon Ekel beim Gedanken mich irgendwo hinzusetzen. Das Gesundheitsamt gab neulich entsprechend eine offizielle Warnung raus. Allerdings nicht wegen naheliegendem Genitalherpes oder Diarrhö, sondern hoch ansteckender Gehirnhautentzündung.  Böse Zungen behaupten bei dem typischen KitKat Stammgast jetzt nicht so das Problem. Wenig Hirn, wenig Entzündung. Egal. Ich sitze also da. Plötzlich kommt ein Typ angehetzt. Blass, kalter Schweiß überall. Ich könnte schwören der ist immer noch total drauf. Die Klamotte geht locker beim Tchibo Sale als Schlafanzug durch, Schuhe hab ich leider nicht abchecken können. Wahrscheinlich weil diese fehlten. Er nimmt mein Glas Wasser, leert es im Stehen, schaut mich abschätzig an und meint: „Ey, sorry, das geht ja gar nicht, Du bist ja voll alt.“ Und weg war er. Nach 10 Minuten hab ich gerallt, dass das kein „versteckte Kamera Scherz“ war und bin nach Hause.

Montag, 15. Oktober 2018

Produkttest: Kieser Training


Mein Körper, und neuerdings auch mein Hormonhaushalt, zeigen mir ja mit aller Macht, dass ich mich offensichtlich in der 2. Hälfte meines Lebens und nicht mehr in dessen Blüte befinde. 2 Nächte in einem Bett eines billigen Hotels an irgendeinem Ort den keiner kennt zu den diversen Wettkämpfen oder einfach mal beschissen geschlafen, haben gleich Folgen. Danach kann der auf dem Boden gefallene Schlüssel schon mal eine Herausforderung sein. Jedenfalls eine Größere als Cholera beizubringen alles, wirklich alles, zu apportieren und mir in die Hand zu legen. Aber von wegen Problem erkannt, Problem gebannt. Denn trotz aller Bemühungen schafft weder sie noch Pest es z.B. das Fenster mit Griff über Kopfhöhe zu kippen. Oder die Salatschleuder aus dem obersten Regal zu holen.

Insgesamt befindet sich mein Körper also in einem Zustand, der mit ein bisschen Gymnastik und BlackRoll Sessions nicht mehr zu beherrschen ist. Erschreckend. Und alleine die Vorstellung, dass ich irgendwann mal nach einer Erwachsenen-Veranstaltung nicht mehr kriechen kann, oder noch schlimmer währenddessen, erhöhen den Leidensdruck so enorm, dass etwas dagegen unternommen wird. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass mein Budget an frei verfügbarer Zeit ja recht begrenzt ist. Hauptsächlich weil Pest&Cholera ganz offensichtlich noch nichts vom Älterwerden spüren und mich noch richtig fordern. Ich hänge also nach einer 20km Wanderung am nächsten Tag noch entspannt rum, während Cholera aus lauter Langweile Hit&Run mit einem Wildschwein spielt.

Auf dem Weg zur Arbeit komme ich an diversen Muckibuden vorbei. Eine davon wirbt mit 30 Minuten 2x die Woche. Das ist das Argument. Obwohl Kieser, wenn man mal ehrlich ist, ja nicht wirklich sexy ist. Also vom Image. Okay, nicht nur vom Image her.

Kieser ist simpel und hat einen Touch von Mittelalter. Alle Geräte laufen streng mechanisch und müssen auch so eingestellt werden. Vielleicht ist auch das der Trick? Also sozusagen Körpertraining mit Gehirnjogging? Die ersten Wochen habe ich mich mehr als blöd angestellt bei jedem Gerät die richtige Lehnenposition mit dem richtigen Hebel, nebst Fuß- und/oder Griffhöhe einzustellen. Dazu noch ganz simple Addition um die Gewichte einzustellen kann einen schon mal an den Rand seiner Möglichkeiten bringen.

Da es nicht nur mir so geht, läuft also der typische Kieser Kunde mit Klemmbrett und Bleistift durch die Gegend. Kunden aus anderen Kieser Studios irren dazu noch mit fragendem Blick durch die Gänge und suchen die A1 oder die F2.1 oder sonst was. Womit wir beim typischen Kieser Klientel wären. Da gibt es 3 Grundtypen.

Kieser Typ 1:

Omma/Oppa denen man ansonsten keine besondere Fitness zutrauen würde. Ha. Denkste. I.d.R bekomme ich Depressionen wenn Omma vor mir am Gerät war und ganz offensichtlich locker 30kg mehr gestemmt hat und ich noch nicht mal ein lauteres Ausatmen gehört habe.

Kieser Typ 2:

Läuft offensichtlich täglich an die 30km und ist so ausdauersportlich hager. Gewöhnlich Mitte 50 und beruflich fest im Sattel. Kieser ist ja auch kein Schnäppchen. Der ist hier um einen „Ausgleich“ zu schaffen. Aha. Was heißt hier Ausgleich wenn man 500% über der Empfehlung an Bewegung der Weltgesundheitsorganisation liegt? Typ 2 kommt gerne über Mittag, joggt dann wahrscheinlich wieder ins Büro wo er dann bis 21 Uhr seine Sekretärin schikaniert.

Kieser Typ 3:

Hat tatsächlich massive orthopädische Probleme. Typ 3 ist hier weil er dem Leben im Allgemeinem und der Lebensqualität im Besonderen den Kampf angesagt hat und rettet was zu retten ist. Bewundernswert, aber halt genauso unsexy wie Typ 1 und 2.

Bei Kieser wird entsprechend nicht geflirtet oder sonst wie Kontakt aufgenommen. Man ist freundlich und grüßt in der Umkleide, ansonsten geht man rein, zieht sein Programm durch und geht. Basta. Hosen sind bis zum Knie und Shirts mit Ärmeln vorgeschrieben. Es gibt keine Spiegel. In meiner emotionalen Verfassung, so mitten in der Midlife Crisis, großartig. Müsste ich mir hier noch mittzwanzig Jährige nach dem Spinning noch ins Power Body Forming Gedöns gehenden Tussis vergleichen, würd ich mich gleich mal über nette Senioreneinrichtungen informieren. Auch das männliche Pendant zu den Tussis gibt es hier nicht. Zu wenig Raum zur Selbstdarstellung. Noch nicht mal eine Bar mit überteuerten Eiweißshakes gibt es. Keine Musik. Man hört nur das Geklapper der Maschinen. Und hin und wieder ein etwas lauteres, aber nicht aufdringliches Ächzen.

Das liegt am Kieser Prinzip. Langsame Bewegungen und so viel Gewicht, dass der Muskel/die Muskelgruppe im Idealfall nach 2 Minuten komplett ermüdet, um nicht zu sagen am Arsch ist. Wer das richtig macht, atmet einfach nach der letzten Wiederholung etwas lauter aus kurz bevor die Gewichte  auf Null aufschlagen. Natürlich Alles unaufdringlich. Wir sind ja bei Kieser und nicht beim Tennis.

Beim Erstgespräch will der TVD (Trainer vom Dienst) sachte meine orthopädischen Probleme erörtern. Meine Aussage, dass ich ausdiagnostiziert bin und wir das schnell machen können, entlockt ihm kein Lächeln. Hier geht es offensichtlich um die Gesundheit und nicht um Spaß. Ich bekomme ein Programm gestrickt und werde 3 Trainings begleitet, bevor ich das erste Mal alleine mit Klemmbrett und Bleistift durch die Hallen irre. Es dauert bis man sich ein bisschen einfuchst und dieses 2 Minuten Prinzip drauf hat. Ebenso dauert es, bis man wirklich hart zu sich selbst ist. Schafft man mehr als 2 Minuten Gewichte beim nächsten Mal erhöhen, schafft man weniger, dann reduzieren. Das ist das Thema mit der Addition ;-). Also muss man Arsch zu sich sein, am besten auch wenn 2 Minuten rum sind so viele Wiederholungen machen bis die Muskelgruppe einfach den Dienst verweigert.

Nach ca. 4 Wochen sind meine Probleme mit der Schulter Geschichte. Ebenso verkeilte Brustwirbel oder steifer Nacken. Nach 8 Wochen überlege ich mir wann ich das letzte Mal Knieschmerzen beim Treppe laufen hatte. Dann muss ich 2 Wochen Pause machen und zack…da ist sie ja, die Schulter und der auch der Knorpelschaden im Knie. Also wieder weiter. Nach 3 Monaten stelle ich beim locker flockig Fenster kippen fest, dass das Geschlabber am unteren Oberarm Geschichte ist, ebenso weite Teile der Bindegewebsschwäche am A…äh Oberschenkel. Ich muss zudem von 75B auf 80B umsteigen oder Druckstreifen respektieren. Zudem meine Knöchel schlank und rank sind und nicht auf die Idee kommen dort idiotischer Weise Wasser einzulagern.

Ich fühle mich insgesamt besser. Gerade wenn ich müde bin geh ich noch mal zu Kieser. Danach sagen meine Muskeln 10 Minuten chillen und dann gerne Bäume ausreißen, Kühe schubsen oder sonst was hoch Energetisches.

Wenn ich nicht gerade Hitzewallungen habe, aber das ist ein ganz anderes Thema, schlafe ich wie ein Baby. Der Arschmaden Kollege bringt mich selten aus der Ruhe und weil Kieser ist wie es ist, also so gesundheits- rehagedöns orientiert, zahlt mein Arbeitgeber die Hälfte im Zuge der gesundheitsfördernden Arbeitgeberleistungen.

Fazit: wer sich drauf einlässt wird es nicht bereuen.

Selbst die Duschen sind unsexy: